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NWZonline.de Ratgeber Wissenschaft Geschichte

Pferdesport: Auf Wunderstute zu Weltruhm geritten

10.07.2018

Warendorf Der Ritt mit schmerzverzerrtem Gesicht hat Hans Günter Winkler zu einer Legende des Pferdesports gemacht – und sein Pferd Halla weltberühmt. Die kleine Stute trug den verletzten Springreiter 1956 zu olympischem Doppel-Gold. Diese Geschichte musste Winkler immer wieder erzählen – und er tat es sehr gerne und ausführlich. Bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod in der Nacht zum Montag, nachdem er einen Herzstillstand hatte.

Zwei Jahre nach dem Wunder von Bern folgte das Wunder von Stockholm. Der Sieg bei den von Melbourne nach Schweden ausgelagerten olympischen Reiterwettbewerben hatte eine ähnlich historische Dimension wie der WM-Sieg der deutschen Fußballer. Die Geschichte des verletzten Reiters und des treuen Pferdes passte ganz wunderbar zum Mythos des mühevollen Neubeginns nach dem Krieg und zum Wiederaufbau.

Verletzt zu Olympia-Gold

Winkler wurde einer der großen Sport-Helden seiner Zeit, weil er sich in der ersten Runde der Einzel- und Team-Entscheidung so schwer an der Leiste verletzt hatte, dass er eigentlich hätte aufgeben müssen. Er tat es aber nicht. Er setzte sich wieder auf die Stute. Und er ritt trotz starker Schmerzen. Obwohl er Halla beim zweiten Durchgang kaum helfen und durch den Parcours dirigieren konnte, ritt er mit der tapferen Stute ohne Fehler: Deutschland gewann Team-Gold, Winkler Einzel-Gold.

„Dieses wunderbare Pferd machte mir die größte Liebeserklärung, indem es am langen Zügel nur begleitet von meinen Schmerzensschreien über jeden Sprung ohne Fehler ging“, lautete eine von Winklers Beschreibungen. Sie sei „eine Mischung aus Genie und irrer Ziege“ gewesen. „Halla hat gemerkt, was los ist, und hat mir aus der Patsche geholfen“, sagte Winkler vor seinem 90. Geburtstag.

Der mit Ausdauer und Zähigkeit erkämpfte Erfolg machte Winkler zu einer Symbolfigur seiner Zeit. Er prägte die sportliche Geschichte der Nachkriegsjahre, so wie der Krieg und die Jahre danach ihn geprägt hatten. Sänger hatte der in Barmen geborene Reiter mal werden wollen. Dann kam der Krieg. Er überlebte das Ende als Flakhelfer. „Da war die Zeit des Singens vorbei“, sagte er. Sein Vater fiel kurz vor Kriegsende, seine Familie begann bei Null.

Zu den von Winkler gerne erzählten Geschichten gehört auch jene über das Adoptions-Angebot eines späteren US-Präsidenten. Ein halbes Jahr lang ritten Winkler und der damalige Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower jeden Morgen in die Wälder des Taunus. Dann bestellte der spätere US-Präsident den damaligen Stallburschen in sein Büro. „Ganz höflich fragte er, ob ich mir vorstellen könnte, dass er mich adoptiert und an Kindes statt annimmt“, berichtete Winkler. „Dann habe ich überlegt und überlegt und bin zu dem Schluss gekommen: Das geht gar nicht, ich kann meine Mutter nicht im Stich lassen.“

Sportlich ist er als Springreiter unerreicht. Den zwei Goldmedaillen von 1956 folgten drei weitere Olympia-Siege, unter anderem 1972 in München. Winkler gewann zudem eine olympische Silber- und eine Bronzemedaille. Am nächsten kam ihm Ludger Beerbaum (viermal Gold). „Er war eine große Persönlichkeit, die den Pferdesport mitgeprägt hat“, sagte Beerbaum am Montag: „Bis ins hohe Alter haben wir Pferdegeschäfte miteinander gemacht, ich kann verraten: Es war nicht einfach, mit ihm zu feilschen.“

Sportler des Jahres

Zur imposanten Bilanz Winklers gehören auch zwei Einzel-Titel bei Weltmeisterschaften und fünf deutsche Meisterschaften. Winkler startete 105-mal für die deutsche Mannschaft. Zu seiner Titelsammlung gehört auch die zweimalige Wahl zum Sportler des Jahres – eine heutzutage kaum vorstellbare Ehre für einen Reiter.

„Mit Halla bildete er ein unvergleichliches Team, das eindrucksvoll demonstriert hat, was Mensch und Tier gemeinsam im Sport zu leisten in der Lage sind“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann am Montag. Für Bundestrainer Otto Becker ist der Tod des gebürtigen Wuppertalers „ein großer Verlust“.

Seine Karriere beendete Winkler 1986 in Aachen, wo er neben vielen Siegen beim CHIO auch dreimal den Großen Preis gewann. Und dort, im größten Reitstadion der Welt mit 40 000 Plätzen, genoss er 2016 eine große Gala zu seinen Ehren. Das Stadion in Aachen war Winklers „Wohnzimmer“, wie er es selber nannte. Warendorf war sein Wohnsitz seit 1950.

Winkler lebte bis zuletzt nicht weit vom Sitz des Verbandes. Dort, wo ein Denkmal für seine Stute Halla steht.

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