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NWZonline.de Ratgeber Gesundheit

„Wie so’n Huhn ohne Kopf“

29.09.2017

Ammerland Und dann saß sie da und starrte das Telefon an, stundenlang. Um 11 Uhr wollte er anrufen, so spät war es noch lange nicht, aber was sollte sie sonst tun? Mit Uwe darüber sprechen, ihrem Mann? Sie konnte nicht reden, sie konnte ja nicht einmal denken.

Pünktlich um 11 klingelte das Telefon, Dr. Hecht war dran.

Ja, sagte er, es ist ein Tumor. Ja, er ist bösartig.

Unter Ingrid Hülsebusch riss die Erde auf. Sie fiel, im Stürzen explodierten drei Worte in ihrem Kopf: Ich! Habe! Krebs! Todesangst erfasste sie.

Aber die Diagnose Krebs ist nicht das Ende. Sie ist der Anfang.

500 000 Krebsdiagnosen

Fast 500 000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Das geht aus dem „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ hervor, den das Robert-Koch-Institut Ende 2016 erstmals veröffentlicht hat. Eine halbe Million Krebsdiagnosen, das sind fast doppelt so viele wie in den 70er-Jahren.

Das ist die schlechte Nachricht.

Es gibt aber auch zwei gute Nachrichten. Die erste gute Nachricht lautet: Es gibt eine Erklärung für diesen Anstieg.

Der wichtigste Grund ist, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden. Mit zunehmendem Alter steigt das Krebsrisiko, in einer alternden Gesellschaft gibt es automatisch mehr Krebsfälle.

Ingrid Hülsebusch ist 54 Jahre alt.

Ein weiterer Grund für den Anstieg der Krebszahlen liegt darin, dass Krebs häufiger und früher erkannt wird. Das gilt vor allem für Brustkrebs, die häufigste Krebsart bei Frauen. Mehr als 70 000 Frauen (und auch 700 Männer) erkranken laut dem „Bericht zum Krebsgeschehen“ jährlich daran, Ingrid Hülsebusch ist eine von ihnen.

Und hier ist die zweite gute Nachricht: Die Zahl der Menschen, die an Krebs sterben, ist im Verhältnis zur Zahl der Erkrankungen deutlich gesunken. Immer mehr Menschen überleben Krebs oder leben lange mit ihm.

„Wie so’n Huhn ohne Kopf renne ich hier rum“, sagt Ingrid Hülsebusch zu Hause in Dänikhorst, Landkreis Ammerland, zu Uwe. Sie kann nicht mehr einkaufen, sie kann nicht mehr kochen, „ich kenne nur noch ein Thema: Krebs“, klagt sie.

Ihr Herz klopft bis zum Hals, als sie wenig später im Brustzentrum der Ammerland-Klinik in Westerstede steht. Chefarzt Martin Thoma, 57 Jahre alt, kennt das, „die Patienten fallen aus allen Wolken, wenn sie die Diagnose hören“, sagt er.

1100 Eingriffe pro Jahr

Thoma ist Senologe; Senologie ist die Lehre von der Brust. Er weiß, was man der Aufgewühltheit der Erkrankten am besten gegenüberstellt: Nüchternheit. „Die Menschen treffen hier auf Profis, die frei von Emotion in der Lage sind, die Krankheit zu analysieren“, sagt er. Mehr als 200 zertifizierte Brustzentren gibt es in Deutschland, allesamt „hoch spezialisierte Einheiten“, so Thoma. Seine Einheit in Westerstede nimmt pro Jahr 1100 Brusteingriffe vor; in rund 500 Fällen geht es um Mammakarzinome: bösartige Tumore in der Brust.

Auch Martin Thoma hat gute und schlechte Nachrichten für die Krebspatienten. Seine schlechte Nachricht lautet: „Brustkrebs ist unbehandelt eine schwerwiegende Krankheit, die zu Leid, Siechtum und auch Tod führt.“

Die gute Nachricht aber ist: „Für Brustkrebs gelten heute die besten Heilungschancen überhaupt von allen Tumoren, bei Krebs im Frühstadium haben wir Heilungsquoten von 90 und mehr Prozent.“ Leider kommen nicht nur Patientinnen mit Krebs im Frühstadium zu ihm. Den meisten dieser Frauen kann er aber sagen: „Auch ungünstige Stadien können wir heute besser behandeln als früher – und oft sogar heilen.“

Ingrid Hülsebusch ist eine Patientin im Frühstadium, ihr Tumor ist sieben Millimeter klein. Entdeckt wurde er beim Mammographie-Screening im Mammobil.

Das Mammobil steht gerade bei Edeka in Wiefelstede (Landkreis Ammerland): ein Sattelauflieger, außen viel Rosa, innen eine Röntgenpraxis und ein Wartezimmer, fünf Frauen sitzen da und warten.

Das Mammobil auf dem Supermarktparkplatz ist eines von 14 in Niedersachsen, drei davon sind ganzjährig im Nordwesten unterwegs. Sie sind da für 110 000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren, die alle zwei Jahre Post bekommen vom „Mammographie Screening Programm“: „Angebot einer Mammographie-Untersuchung“, Terminvorschlag mit Tag, Uhrzeit, Ort.

Auch Ingrid Hülsebusch aus Dänikhorst hat im April so einen Brief bekommen. Sie vergaß ihn schnell wieder, Krebs war kein Thema für sie, in ihrer Familie kam das ja bislang nicht vor.

Auf dem Edeka-Parkplatz steht Dr. Gerold Hecht aus Wittmund, 57 Jahre alt, er ist einer der drei verantwortlichen Ärzten im Mammographie-Screening-Team Nordwest. Hecht sagt: „Wir erreichen gut 60 Prozent der Frauen.“ Im vergangenen Jahr nutzten 35 000 Frauen das Mammographie-Angebot. Es sollen noch mehr werden, „unser Ziel sind 70 Prozent“, sagt Hecht.

In Dänikhorst fiel Ingrid Hülsebusch der Brief nach vier Wochen zufällig wieder in die Hände, genau einen Tag vor dem Termin. Na gut, dachte sie, dann gehe ich eben hin. Sie wartete im Wartezimmer, zog dann eine Tür weiter, wo das große Röntgengerät steht. Die Untersuchung dauerte kaum fünf Minuten, vielen Dank, auf Wiedersehen, wir melden uns per Post.

Und dann kommt die Post, und im Brief steht: „Bei der Befundung Ihrer Mammographieaufnahmen wurde eine Auffälligkeit festgestellt, die Sie weiter untersuchen lassen sollten“. Wieder ein Terminvorschlag, Datum, Uhrzeit, Ort.

Eine lange Woche dauert es bis zu der Untersuchung in Oldenburg. Ingrid Hülsebusch sitzt zu Hause und hat „ein ganz ungutes Gefühl“.

Dr. Hecht sagt, das Hauptziel des Screening-Programms sei es natürlich, Leben zu retten. Die Früherkennung habe aber auch noch andere Vorteile: Wenn der Tumor klein ist, können die Ärzte besser operieren. Sie können oft auf eine Chemotherapie verzichten. Die Behandlung verläuft schonender.

Winzig kleine Tumore

Bei der Untersuchung von Ingrid Hülsebusch in Oldenburg muss sich Dr. Hecht anstrengen, er kann den Tumor zunächst nicht wiederfinden. Dann, in Seitenlage, entdeckt er ihn, sieben Millimeter. „Erst ab einer Größe von fünf Millimetern können wir Tumore feststellen“, sagt er.

Von den 35 000 Frauen im Mammobil müssen rund 500 zur Nachuntersuchung. Bei etwa 250 von ihnen wird ein Karzinom entdeckt, das sind weniger als ein Prozent. Mehr als 30 Prozent dieser Frauen haben Tumore, die noch keinen Zentimeter groß sind: so klein, dass sie nicht ertastet werden können. Aber es gibt auch jene 15 Prozent der betroffenen Frauen, die keine gute Prognose haben.

Im Brustzentrum steht Ingrid Hülsebusch mit einem Laufzettel in der Hand: Blutentnahme, Ultraschall, Röntgenuntersuchung In der sogenannten Tumorkonferenz diskutieren Onkologen, Pathologen, Nuklearmediziner, Experten aus den verschiedenen Fachbereichen den Fall Hülsebusch. Welche Therapie ist die beste für sie?

Chefarzt Thoma sagt: „Brustkrebs ist nicht Brustkrebs, es gibt eine Vielzahl biologisch unterschiedlicher Krebse.“

Die wichtigste Entscheidung ist: Der Tumor von Ingrid Hülsebusch muss raus. Sie bekommt einen schnelle Operationstermin. Sie verschiebt ihn einmal, „ich kann nicht“, sagt sie mit zitternder Stimme, „mein Kopf ist noch nicht so weit“. Eine Woche bekommt sie Aufschub, dann geht sie in die Klinik. Die Operation verläuft problemlos, nach einer Woche ist Ingrid Hülsebusch wieder zu Hause.

Eine Freundin besucht sie und erzählt ihr, dass sie nicht zum Mammographie-Screening gehen möchte. Jeden Tag ruft Ingrid Hülsebusch sie anschließend an und sagt: Geh’ hin! Geh’ hin! Geh’ hin! Die Freundin geht hin, alles ist in Ordnung.

Auch die Operation war nur ein Anfang, jetzt beginnt die Therapie. Die Tumorkonferenz hielt eine Chemotherapie nicht für notwendig, wohl aber eine Strahlentherapie und eine Antihormontherapie. An einem Dienstag, draußen brummelt schlecht gelaunt der Herbst, steht Ingrid Hülsebusch vor dem „Zentrum für Strahlentherapie und Radioonkologie“ an der Westersteder Mozartstraße, und mit ihr steht dort die Angst: Ihr Blutdruck hämmert bei 190, in der Nacht hatte sie Panikattacken. Sie musste Medikamente nehmen, „mir platzt der Kopf“, sagt sie.

Der Strahlentherapeut heißt Professor Dr. Robert Hermann, er ist 44 Jahre alt und erklärt: Hier geht es um Prophylaxe. Eigentlich ist der Krebs ja weg, aber falls sich doch noch irgendwo Krebszellen verstecken sollten, greifen wir sie nun mit Strahlen an, „mit ultraharten Photonen“. Das Risiko, dass der Krebs bei Ingrid Hülsebusch wiederkehrt, sinkt dadurch auf unter 5 Prozent.

Und was machen die Strahlen mit den gesunden Zellen?

Ja, sagt Herman, es können Nebenwirkungen auftreten: Rötungen, Schwellungen, Müdigkeit. „Das muss aber nicht“, sagt er freundlich.

Lange Therapiezeit

Ingrid Hülsebusch bekommt 30 Termine, vier- bis fünfmal pro Woche muss sie jetzt nach Westerstede, 30 bis 45 Sekunden lang wird ihre Brust bestrahlt. Und danach steht sie immer noch am Anfang, die Antihormontherapie dauert ja an. Fünf Jahre lang muss sie nun jeden Tag eine Tablette nehmen.

Ingrid Hülsebusch atmet tief durch, sie drückt den Rücken durch, sie nickt: Ich nehme den Kampf auf! Sie ist eine von vielen: In Deutschland leben schätzungsweise vier Millionen Menschen, die jemals an Krebs erkrankt waren oder sind.

Von Karsten Krogmann

  www.mammo-programm.de 
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