Oldenburg - Nach aktuellen Zahlen sind weltweit mehr als 51 Millionen Menschen auf der Flucht, wobei die Hälfte von ihnen unter 18 Jahre alt ist. In Deutschland leben derzeit mehr als 50 000 Kinder und Jugendliche, die unbegleitet aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden bei der jüngsten Zählung im September 2016 entsprechend viele minderjährige Flüchtlinge in Betreuungs- und Jugendhilfemaßnahmen registriert.
Die unbegleiteten Minderjährigen werden nach ihrer Ankunft zunächst durch das vor Ort zuständige Jugendamt in Obhut genommen. Dazu gehört, dass sie bei geeigneten Verwandten, Pflegefamilien oder in einer spezialisierten Jugendhilfeeinrichtung betreut werden.
Ist-Zustand ermitteln
„Im Zuge der vorläufigen Inobhutnahme findet auch das sogenannte Erstscreening statt“, schreibt das Bundesamt. Neben dem Alter wird dabei der Gesundheitszustand geprüft. Die Fachleute des Jugendamtes sollen dabei neben dem körperlichen und psychischen Ist-Zustand auch einschätzen, ob das spätere Verteilungsverfahren das Kindeswohl in physischer und psychischer Hinsicht gefährden könnte. Innerhalb von 14 Tagen nach ihrer Ankunft sollen die Kinder und Jugendlichen im Rahmen eine bundesweiten Verfahrens in einer geeigneten Familie oder Einrichtung untergebracht werden. Dort erfolgen unter anderem weitere medizinische Untersuchungen und die Ermittlung des Erziehungsbedarfs.
„Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine Vielzahl von Einzelschicksalen von Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Heimat und auf der Flucht von schrecklichen Erlebnissen traumatisiert worden sind“, berichtet Dr. Agneta Paul, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Oldenburg: „Viele von ihnen mussten mit ansehen, wie Angehörige gefoltert, getötet oder missbraucht wurden. Auch die Kinder und Jugendlichen selbst sind oft Opfer körperlicher und auch sexueller Gewalt gewesen.“
Betroffene Kinder und Jugendliche leben mit einem deutlich erhöhten Risiko, dass sie schwere psychische Störungsbilder entwickeln. Neben Depressionen und Somatisierungen nennt Agneta Paul vor allem Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen. Besonders alarmierend seien aktuelle Schätzungen, nach denen jeder dritte Flüchtlingsjugendliche bereits mindestens einen Suizidversuch hinter sich hat. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Oldenburg bietet jungen Betroffenen ihre Hilfe an, damit sie sich stabilisieren können. Die benötigte medizinische Versorgung sei dort in einem sicheren Umfeld möglich.
Verhaltensauffälligkeiten
Fachleute betonen, dass bei fast jedem fünften Flüchtlingsjugendlichen das Vollbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorliegt, was 15-mal so häufig ist wie bei Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Die mit einer PTBS verbundenen Symptome können je nach Alter und Reife unterschiedlich sein. Typische Anzeichen bei jungen Kindern sind unter anderem Ängste, Aggressionen und Schlafstörungen sowie Vermeidungsverhalten und emotionale Blockaden.
Kinder im schulpflichtigen Alter entwickeln darüber hinaus häufig Verhaltensauffälligkeiten und neigen zu Pessimismus und Zurückgezogenheit. Oft kommen sie schlecht in der Schule zurecht. Ältere Kinder neigen oft zur Isolation und einer extremen Veränderung des Wertesystems.
Zu den klinischen Krankheitsbildern einer Posttraumatischen Belastungsstörung zählt neben der von einer erhöhten Reizbarkeit und Schreckreaktion gekennzeichneten vegetativen Erregbarkeit das Vermeidungsverhalten, das auf eine bewusste Verdrängung von belastenden Gedanken und Gefühlen abzielt. Dazu kommt, dass Betroffene mit immer wiederkehrenden Erinnerungen und Albträumen von traumatischen Erlebnissen gequält werden, so Dr. Agneta Paul: „Auch wenn die Kinder in Sicherheit sind, bleibt die mit dem Trauma verbundene Angst für lange Zeit erhalten.“
Ohne eine qualifizierte psychotherapeutische Behandlung haben junge Betroffene einer Posttraumatischen Belastungsstörung nicht nur mit einem hohen Leidensdruck zu kämpfen. Durch die dann praktizierte Kompensation der schrecklichen Erfahrungen kann es zu problematischen Verhaltensentwicklungen wie der Unterdrückung von Gefühlen, Hyperaktivität oder auch Überanspassung kommen. Oft entstehen so weitere psychische Störungen, die den Betroffenen mitunter lebenslang begleiten.
Ob und in welchem Maß Trauma-Erlebnisse in eine psychische Störung oder Erkrankung münden, hängt entscheidend von der jeweiligen Konstitution ab. So ist längst nicht immer eine psychotherapeutische Behandlung nötig. Viele Betroffene können die Erlebnisse gut hinter sich lassen, wenn sie in einem sicheren Umfeld ohne neue Trauma-Erlebnisse leben.
Wichtig ist eine besondere Zuwendung, die den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entspricht. Helfen könne hier vor allem ein stabiles soziales Umfeld im Zufluchtsland.
