Vechta - Um auf der sicheren Seite zu sein, sollten Eltern ihr neugeborenes Kind bei Anzeichen für eine Erkrankung oder unerklärliche Auffälligkeiten auch außerhalb der obligatorischen Vorsorgeuntersuchungen bei einem Kinderarzt vorstellen. In den ersten Wochen nach der Geburt ist der Säugling sehr anfällig für Erkrankungen, weil die Umstellung auf das Leben außerhalb des Mutterleibs leicht gestört werden kann.
Der Energieumsatz des Säuglings ist im Vergleich zum Erwachsenen viel höher, so dass Kreislauforgane, Lunge, Darm und das Immunsystem Höchstleistungen vollbringen müssen. Das Immunsystem ist zwar intakt, aber auf viele Krankheitserreger noch nicht vorbereitet, so dass eine Infektion den Organismus eines jungen Säuglings empfindlich angreifen kann. Für Erwachsene üblicherweise harmlose Krankheitserreger können einem Säugling sehr gefährlich werden.
Wie ein Asthmaanfall
Erschwerend kommt hinzu, dass die Lunge aufgrund des vergleichsweise engen Durchmessers der Bronchien bei einer Bronchitis nicht genügend Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben kann. So kann ein Erkältungsvirus, das bei älteren Kindern allenfalls zu Schnupfen und Husten führt, bei einem Säugling deutlich gefährlichere Symptome und Folgeerkrankungen auslösen, betont Albert Storcks, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Praxis für Kinderneurologie in Vechta: „Schon das mit einer Erkältung verbundene Anschwellen der Schleimhäute kann unter anderem schwere Atemprobleme auslösen, die in ihrer Folge durchaus vergleichbar mit einem schweren Asthmaanfall sein können.“ Dessen ungeachtet sollten Eltern ihr Kind nicht in Watte packen.
Eine Erkältung kann für den betroffenen Säugling bedeuten, dass er trotz größter Anstrengungen zu wenig Luft bekommt. Zugleich entsteht infolge des großen Energieaufwands ein erhöhter Sauerstoffbedarf, der nicht gedeckt werden kann. Zudem wird die Belüftung der Lungen durch Schleim und und geschwollene Schleimhäute in den Atemwegen erschwert. Als Folge kann es zu einer Mangelversorgung mit lebenswichtigem Sauerstoff kommen.
Als typische Anzeichen für ein ernsthaftes Problem nennt Albert Storcks neben einer sichtlich angestrengten Atmung des Säuglings ein pfeifendes Geräusch beim Ausatmen. Oft stellen sich darüber hinaus eine blass-gräuliche Hautfarbe, Fieber oder Untertemperatur und eine anhaltende Trinkunlust ein. Bei entsprechenden Symptomen sollten Eltern auf ihr Gefühl vertrauen und im Zweifelsfall auch am Wochenende mit dem Säugling zum Kinderarzt gehen, empfiehlt Albert Storcks: „Atemnot ist immer ein Notfall. Ohne eine umgehende ärztliche Abklärung kann es im schlimmsten Fall zur Lebensgefahr für das Kind kommen.“
Problem aufklären lassen
Zu den im Säuglingsalter häufigen Erkrankungen zählen auch die sogenannten Dreimonatskoliken, bei denen die Babys unter mehr oder weniger lang anhaltenden Beschwerden leiden, die oft als Bauchschmerz gedeutet werden, erklärt Storcks. Dreimonatskoliken sind an sich harmlos, können aber mit verschiedenen Erkrankungen verwechselt werden. So kann etwa ein bei einem Leistenbruch eingeklemmter Darm ebenso Grund für ein lang anhaltendes Schreien sein wie ein in den Dickdarm eingestülpter Dünndarm oder eine Verdrehung des Hodens. Sogar eine Säuglingsepilepsie werde mitunter fälschlicherweise für eine Dreimonatskolik gehalten. Deshalb sollte ein sogenanntes Schreibaby stets gründlich von einem Kinderarzt untersucht werden.
Üblicherweise legen sich die Dreimonatskoliken – deshalb der Name – nach rund drei Monaten von selbst wieder, berichtet Storcks. Bei der Behandlung sei es im Akut-Fall zunächst wichtig, die Ursache des Schreiens zu klären. Im Alltag können ein beruhigender Zuspruch, warme Bäder sowie der Transport des Säuglings in einem Babytragetuch hilfreich sein. Manchmal helfen auch entschäumende Substanzen, die dem Säugling das Aufstoßen erleichtern. Nicht zuletzt könne oft auch eine Bauchmassage Linderung verschaffen.
Bei Anzeichen für eine Dreimonatskolik sollten Eltern die Symptome und den Verlauf beim Kinderarzt möglichst präzise schildern, wobei auch Aufzeichnungen über Nahrungsaufnahme und Stuhlgang oder eine Videoaufnahme auf dem Handy hilfreich sein können. Wenn der Eindruck besteht, das Kind könne krank sein, sollte die Körpertemperatur im Po gemessen werden, betont der Kinderarzt Albert Storcks. Bloßes Fühlen mit der Hand reiche nicht aus.
Beim Kinderarzt reichen oft eine sorgfältige Anamnese und eine körperliche Untersuchung aus, um dem Problem auf die Spur kommen zu können. Zudem kann die Auswertung verschiedener Blut- und Urinwerte im Labor erforderlich sein.
In schweren Fällen mit wiederkehrenden Kolik-Attacken kann die Überweisung in eine Kinderklinik nötig sein. Dort könne man etwa mit einer Röntgen- und/oder Ultraschalluntersuchung gut erkennen, ob zum Beispiel eine schwere Störung der Darmdurchblutung vorliegt, die etwa durch einen eingeklemmten Leistenbruch verursacht werden kann.
