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NWZonline.de Ratgeber Gesundheit

Der lange Weg zurück zum Ich

09.10.2017

Brake Es ist nur ein Satz. Der aber hat es in sich. „Du hast uns so erzogen, dass wir Scheiße bauen dürfen, dann aber auch dazu stehen müssen.“ Rumms. Das sitzt.

Es ist ihr Sohn, der Kerstin diesen Satz mit auf den Weg gibt. Auf den Weg raus aus der Alkoholsucht. Auf den Weg rein in die Entzugsklinik.

Kerstin heißt nicht wirklich Kerstin. Ansonsten ist ihre Geschichte wahr. „Ich könnte offen damit umgehen. Ich bin aber nicht nur für mich alleine verantwortlich“, möchte die Mittvierzigerin aus der Wesermarsch ihre Familie vor blöden Sprüchen schützen. „Fakt ist: Man hat einen Stempel.“

Der Einstieg

Kerstins Werdegang ist ein typischer: Als Jugendliche hat sie angefangen, mal einen Schluck zu trinken. Später im Beruf war es das Glas Wein zum Feierabend. Ihr erster Mann trinkt viel, sie viel weniger – mittlerweile aber regelmäßig. „Mir war aber immer schon eines ganz wichtig: Die Kontrolle zu behalten.“

Die Fachstelle Sucht Wesermarsch ist eine Einrichtung des Diakonischen Werkes Oldenburg Suchthilfe gGmbH. Sie bietet Beratung, Behandlung und Prävention bei Problemen mit: Alkohol, Medikamenten, Mehrfachabhängigkeiten und Spielsucht. Das Angebot der Fachstelle richtet sich an Betroffene oder Gefährdete, deren Angehörige, Freunde oder Kollegen sowie Multiplikatoren, Kooperationspartner und Interessierte.

Die Alkoholabhängigkeit bleibt laut Jahresbericht der Einrichtung die häufigste Suchterkrankung im Landkreis Wesermarsch. Allerdings wird zunehmend beobachtet, dass Betroffene zusätzlich unter einer oder mehreren psychischen Erkrankungen leiden. Ob die Sucht oder die psychische Erkrankung zuerst da war, ist demnach nur schwer festzustellen. Die Kombination erschwert allerdings die Therapie.

345 Menschen waren im vergangenen Jahr in der Fachstelle Sucht in der Wesermarsch in der Beratung und/oder Behandlung. 68 Prozent der Klienten waren Männer, 32 Prozent Frauen. Frauen sind aber ebenso häufig von Sucht betroffen wie Männer. Die verbergen ihr Problem nur länger. Die Altersgruppe der 41- bis 50-Jährigen ist bei den Erkrankten am stärksten vertreten.

Die offenen Gruppen treffen sich immer donnerstags ab 12 Uhr in Brake und mittwochs ab 10 Uhr in Nordenham. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Die Anlaufstellen der Fachstelle Sucht unter der Leitung von Birthe Voß in der Wesermarsch: Brake, Bürgermeister-Müller-Straße 9, Telefonnummer 04401/4717, Mail: fs-sucht-bra@diakonie-ol.de, geöffnet immer montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und montags bis donnerstags von 14 bis 16 Uhr.Nordenham, Bernhardstraße 3, Telefonnummer: 04731/88040, Mail: fs-sucht-nor@diakonie-ol.de, geöffnet montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr.

Nach der Scheidung will sie es alleine schaffen mit zwei kleinen Kindern. Für sie kein Problem: „Vor der Therapie waren mir 120 Prozent nicht genug.“ Nie will sie was aus der Hand geben, will alles selber machen, die Kontrolle behalten. Abends gibt es zur Belohnung ein Glas Wein. Aus einem werden zwei, am Wochenende auch eine Flasche. Unter der Woche muss sie funktionieren, am Wochenende kann sie sich etwas gehen lassen.

Für ihren zweiten Mann spielt Alkohol keine Rolle. Also trinkt Kerstin alleine – und heimlich. Glaubt sie: „Im Nachhinein weiß ich, dass alle es mitgekriegt haben.“ Allein die Signale, die Eltern, Mann und Kinder ihr senden, versteht sie nicht. Über Jahre geht das so. Sie glaubt, dass es niemand merkt. „Man wird sehr kreativ.“ Sie glaubt, die Kontrolle zu haben.

Die hat sie da schon längst nicht mehr: „Ich habe mir vorgenommen: Es wird maximal eine Flasche. Am nächsten Tag standen dann da zwei leere. Und nur ich allein habe sie getrunken.“ Gefährlich ist vor allem die Regelmäßigkeit. „Als ich mir Gedanken gemacht habe, wie ich an den Alkohol komme, ohne dass es auffällt, hätte ich es merken müssen“, meint sie heute.

Der Wendepunkt

Den Wendepunkt markiert ein Freitagabend in einem Dezember. Mehr als eine Flasche Wein hat Kerstin intus, als ihre Tochter mit einem Problem zu ihr kommt. Helfen kann sie ihr da schon nicht mehr. Dafür kommt Kerstins Mutter – „und hat mich richtig heftig zur Rede gestellt. Das war das erste Mal, dass ich wach geworden bin“. Heute weiß sie: „Sucht ist es nicht erst dann, wenn man bewusstlos auf der Parkbank liegt.“

Und die Familie gibt ihr noch etwas mit auf den Weg: „Du hast alle Unterstützung. Du musst nur den Hintern hochkriegen.“ Am nächsten Tag landen alle Alkoholvorräte im Ausguss. Obwohl es Samstag ist, ruft sie ihren Hausarzt an. Auch den hat sie viele Jahre getäuscht.

Dieser Freitagabend wird für Kerstin zur Initialzündung. „Die braucht es, damit einem sein Problem von jetzt auf gleich klar wird“, meint sie. Und: „Es tut richtig weh, wenn einem die Wahrheit ins Gesicht sieht.“

Der Ausstieg

Im Januar beginnt dann die professionelle Hilfe: eine Nacht in der geschlossenen Abteilung einer Klinik für den qualifizierten Entzug. „Das war die Hölle mit den Alkoholikern, wie ich sie mir vorgestellt habe.“ Jetzt ist Kerstin eine von ihnen. Dann folgen drei Wochen auf der offenen Station. Doch 21 Tage reichen nicht: „Da hat man gerade das Schwimmen gelernt“, vergleicht Kerstin es. „Ins offene Meer kann man noch nicht.“

Eine stationäre Therapie in einer spezialisierten Entwöhnungsklinik folgt. Mindestens zwölf Wochen soll die dauern, am Ende werden es 14. „Man braucht Abstand, sonst läuft alles weiter wie gehabt“, ist ihre Motivation, sich gegen eine Tagesklinik zu entscheiden. Bei ihr greifen alle Rädchen ineinander. Auch der Kostenträger, die Rentenversicherung, zieht sofort mit.

Vor allem eins lernt sie in der Entwöhnungsklinik: sich erst einmal um sich selber zu kümmern. Fühle ich noch was? Was habe ich für Gedanken? „Es war ungewohnt für mich, sich mit mir selbst zu beschäftigen.“ Gruppentherapie, Einzeltherapie, Kunsttherapie und einiges mehr helfen Kerstin, künftig auch „Nein“ sagen zu können, wenn es ihr zu viel wird. „Und das dauert. Deshalb dauert auch die Therapie so lange.“ Die ersten Male „Nein“ zu sagen, sei schlimm gewesen. „Da geht das Kopfkino an. Was passiert, wenn...“ Aber irgendwann merkt sie, dass es auch ohne sie geht. Heute muss sie keine 120 Prozent mehr geben. „Heute reichen auch mal 80.“

Was sie in der Zeit bekommt, ist „ein neuer Blick auf mein bisheriges Leben“. Und eine Analyse, was sie anders machen kann, damit sie nicht wieder in Gewohnheiten verfällt.

Für Kerstin folgt eine ambulante Nachsorge bei der Fachstelle Sucht in Brake. „Einer Selbsthilfegruppe mag ich mich noch nicht anschließen. Das ist noch nicht meins.“ Der Besuch in der Fachstelle wird zur festen Institution. Gedanken, wie sie ungesehen ins Haus kommt, gibt es nur am Anfang. „Ich habe gelernt, wesentlich offener damit umzugehen.“ In der Fachstelle geht es nicht nur um Alkohol und Sucht. Es geht um das Leben.

Das Fazit

Kerstin ist sich sicher, dass sie es ohne Hilfsangebote nicht geschafft hätte, dass sie ihre Arbeit verloren hätte und wohl auch ihre Familie. „Der habe ich so viel Leid zugefügt mit dem Alkohol und mit der blöden Heimlichtuerei.“

Heute ist Kerstin trocken. Sie hat auf Partys Spaß, auch ohne Alkohol, hat Lebensqualität dazugewonnen. Zur Belohnung kauft sie sich nach der Entlassung ein Motorrad. Belohnung ist für sie heute aber auch, einfach nur auf das Gute vom Tag zurückblicken zu können. „Das Negative ist sowieso da. Da kann ich besser das Positive angucken.“

Sorge macht ihr am Anfang der versteckte Alkohol in Lebensmitteln. Heute gibt es einfach bestimmte Produkte nicht mehr in ihrem Einkaufswagen. Dazu gehört der fertige Pizza- oder Blätterteig aus der Kühltheke, der Balsamico-Essig, die Cocktailsauce und auch einige abgepackte Kuchen oder Marmeladen. Kerstin will nicht, dass dadurch ihr Suchtgedächtnis wieder aktiviert wird.

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dpa