Bad Zwischenahn - Aktuelle Studien zeigen, dass in Deutschland jeder 13. Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren schon mindestens einmal Erfahrung mit Cannabis oder Marihuana gemacht hat. „Die Offenheit und Akzeptanz gegenüber dem Konsum von Cannabis ist gestiegen“, betont die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler. Im Jahr 2012 gaben 1,3 Prozent der von der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogensucht befragten Jugendlichen an, regelmäßig Cannabis zu konsumieren.
Für viele Heranwachsende führt das nach der Erfahrung von Fachleuten früher oder später in eine Sucht. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt den Anteil der Cannabis-abhängigen Erwachsenen auf 0,5 bis ein Prozent. Die Situation bewertet die Drogenbeauftragte mit klaren Worten: „Cannabis-Konsum ist bei den unter 25-Jährigen mittlerweile der Hauptgrund für eine ambulante und stationäre Behandlung sowie die Inanspruchnahme von Einrichtungen der Suchthilfe bei Problemen mit illegalen Drogen.“ Bundesweit sei davon auszugehen, dass etwa 600 000 vorwiegend junge Menschen einen exzessiven Umgang mit der Droge pflegen, der mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu psychischen und auch körperlichen Schäden führt.
Besonders empfindlich
Besonders problematisch ist der Cannabis-Konsum bei Jugendlichen, die noch im Wachstumsalter sind, erklärt Prof. Dr. Jörg Zimmermann, Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie in der Karl-Jaspers-Klinik in Bad Zwischenahn: „Insbesondere in diesem Alter würde ich generell vor Cannabis warnen.“ So sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass vor allem ein früher Cannabis-Konsum die Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten zur Folge haben kann. Das im Jugendalter noch nicht komplett ausgereifte Gehirn sei in der Entwicklungsphase besonders empfindlich und empfänglich gegenüber den in der Droge enthaltenen Wirkstoffen.
Beim gleichzeitigen Konsum mit anderen Drogen wie etwa Alkohol potenziert sich das gesundheitliche Risiko, da der Organismus dann noch mehr schädlichen Substanzen ausgesetzt ist. Darüber hinaus verstärkt sich ein Gewöhnungsprozess, der gerade junge Menschen empfänglicher für harte illegale Drogen mit einem noch höheren Suchtpotenzial macht. Wenn Cannabis und/oder Alkohol nicht mehr für den erwünschten „Kick“ ausreichen, sei die Versuchung groß, weitere Drogen auszuprobieren. Dass Cannabis eine Einstiegsdroge für harte Drogen ist, sei wissenschaftlich zwar nicht bewiesen. Fachstudien zeigen aber, dass die meisten Kokain- und Heroinabhängigen angeben, ihre Drogenkarriere habe mit dem Konsum von Cannabis und Alkohol angefangen.
Wahn und Psychosen
Auch wenn es beim Cannabis-Konsum bleibt, sollte man die negativen Folgen im psychischen Bereich sowie auf das Gehirn und andere Organe nicht unterschätzen, betont Zimmermann: „Ein langer und regelmäßiger Konsum kann neben einer Verringerung der Intelligenz auch Wahnvorstellungen und Psychosen auslösen, die neben einer psychotherapeutischen auch eine psychiatrische und medikamentöse Behandlung erfordern.“ Bei jedem zehnten Cannabis-Konsumenten stellt sich früher oder später eine psychische und körperliche Abhängigkeit mit einem klar erkennbaren Entzugssyndrom ein. Die dann auftretenden Symptome sind im Vergleich zu einem Alkohol- oder Hartdrogenentzug allerdings eher mild ausgeprägt.
Die Entscheidung zur Abstinenz sei gerade für langjährige Cannabis-Konsumenten vor allem eine Kopfsache. Betroffene können beim Weg in ein drogenfreies Leben von psychotherapeutischen Interventionen wie Psychoedukation und Verhaltenstherapie profitieren. Als wichtigen Baustein nennt Zimmermann Gesprächsrunden zur Stärkung der Motivation. Dies könne auch helfen, die „Egal-Stimmung“ zu überwinden, die oft mit einem regelmäßigen Cannabis-Konsum verbunden ist und einem konsequenten „Nein“ zur Droge entgegensteht. Ein kontrollierter Cannabis-Konsum sollte nur unter ärztlicher Aufsicht bei medizinischen Indikationen wie etwa MS, Spastiken oder Schmerzen erfolgen.
Regelmäßiger Cannabis-Konsum kann psychische Störungen und Erkrankungen selbst auslösen oder bestehende Probleme verstärken. „Viele Patienten leiden zusätzlich zu ihrer Alkohol- oder Drogensucht auch unter einer psychischen Erkrankung“, berichtet Prof. Dr. Jörg Zimmermann. Ob diese sogenannten komiden Störungen bereits vor der Abhängigkeit bestanden haben oder als dessen Folge entstanden sind, sei bei jedem Betroffenen unterschiedlich.
In der Karl-Jaspers-Klinik wird suchtkranken Patienten mit einer psychischen Begleiterkrankung neben einer qualifizierten Entgiftung mit optimaler therapeutischer und medizinischer Begleitung die Behandlung der komiden Störung angeboten.
Mit der Akut-Versorgung ist es dabei nicht getan. Ein Suchtproblem hat sich wie die psychische Erkrankung in der Regel über einen längeren Zeitraum aufgebaut. Entsprechend viel Geduld und Disziplin müssen die Patienten bei der Therapie aufbringen. Oft sei das Ganze eine Lebensaufgabe, da das natürliche Suchtgedächtnis für immer intakt bleibt.
