Oldenburg - Anders als ein Knochenbruch oder eine Muskelzerrung entsteht ein Leistenbruch nicht in Folge eines Unfalls oder einer plötzlichen Überbeanspruchung. Vielmehr ist eine angeborene Schwachstelle dafür verantwortlich, wenn es durch einen Geweberiss zu einem Leistenbruch kommt. Der medizinisch als Hernie bezeichnete Leistenbruch kommt besonders häufig bei Menschen mit einer Bindegewebsschwäche und deutlichem Übergewicht sowie bei Rauchern vor. Auch ist medizinisch nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit durch Kollagenerkrankungen wie etwa ein Aortenaneurysma oder eine Divertikulose erhöht wird. Das gleiche gilt für Frauen und Männer, die an Asthma, COPD, oder Diabetes mellitus erkrankt ist.
Schwaches Bindegewebe
Der Leistenkanal hat die Funktion einer Röhre, die wichtige Teile der Geschlechtsorgane durch die Bauchdecke führt. Bei Männern werden auf diesem Weg der Samenleiter und die dazu gehörenden Blutadern in den Hodensack und bei Frauen das runde Mutterband in die Gebärmutter geleitet.
Bei gesunden Menschen verhindern die Muskeln der Bauchdecke sowie das umgebende Bindegewebe, dass auch benachbarte Strukturen wie Fettgewebe oder der Darm durch die kleinen Bauchdecken-Öffnungen geraten können. Wenn das Bindegewebe dafür aus genetischen Gründen oder durch eine Materialermüdung zu schwach ist, kann sich das Bauchfell durch die nicht mehr komplett verschlossene Lücke drücken.
Ein Leistenbruch kann entweder angeboren sein oder im Laufe des Lebens entstehen. „Für erworbene Leistenbrüche sind letztlich der aufrechte Gang des Menschen sowie begleitende Risikofaktoren verantwortlich“, so Priv.-Doz. Dr. Dirk Weyhe, Direktor der Universitätsklinik für Viszeralchirurgie im Pius-Hospital Oldenburg.
So wirke bei jedem Schritt das komplette Körpergewicht auf die Bauchdecke und den nur durch das Bindegewebe stabilisierten Leistenkanal ein, worauf die Haltestrukturen bei vielen Menschen nicht auf Dauer ausgelegt sind. Kommt dann noch eine Bindegewebsschwäche oder ein etwa durch Übergewicht verursachter, erhöhter Bauchinnendruck hinzu, ist das Hernienrisiko deutlich erhöht. Bei Tieren, die auf vier Füßen unterwegs sind, verteile sich der Gewichtsdruck gleichmäßiger, so dass Hernienerkrankungen bei Vierfüßern äußerst selten sind.
Typisches Anzeichen eines Leistenbruchs ist eine nach außen drückende Beule, die sich im Bereich des Unterbauchs bemerkbar macht. In leichteren Fällen kann sie die Größe einer Kastanie haben. Sie kann aber auch kindskopfgroß werden. Ein bei Kindern und Jugendlichen erkannter Leistenbruch ist in der Regel angeboren. Erworbene Hernienerkrankungen stellen sich meistens ab dem 50. Lebensjahr ein.
Wodurch ein Leistenbruch letztlich bedingt wird, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt, betont Dr. Weyhe: „Sicher ist, dass neben einer Kollagenstoffwechselstörung und starkem Rauchen auch ein durch chronischen Husten oder heftiges Pressen beim Stuhlgang erzeugter, starker Bauchinnendruck ein begünstigender Faktor ist.“
Sichtbare Beule
Abgesehen von einer sicht- und tastbaren Beule im Leistenbereich bleiben vor allem leichte Vorfälle zunächst oft weitgehend symptomfrei. Es können sich aber auch ein dauerndes Ziehen sowie Schmerzen beim Husten, Pressen oder bei körperlicher Belastung einstellen. Da andere Erkrankungen ähnliche Beschwerden verursachen können, müssen bei der Diagnose eines Leistenbruchs stets alle anderen Ursachen ausgeschlossen werden. Zum Beispiel können im Liegen, nachts oder nach körperlichen Belastungen auftretende Schmerzen ein Hinweis auf eine Erkrankung der Hüftgelenke oder der hüftgelenknahen Muskulatur sein.
Die aktuellen Leitlinien der Europäischen Herniengesellschaft empfehlen je nach Art und Ausprägung eines Leistenbruchs unterschiedliche Behandlungsoptionen. Besonders schonend werden Leistenbrüche mit einem kurzen endoskopischen oder minimal-invasiven Eingriff beseitigt. Dr. Dirk Weyhe führt mit seinem Team im Pius-Hospital mehr als 600 Leistenbruch-Operationen im Jahr durch.
Jeder Leistenbruch hat eine Bruchpforte, einen Bruchsack und einen Bruchinhalt. Wenn der Bruchsack durch die Hinterwand des Leistenkanals unter der Haut nach außen austritt, handelt es sich um einen direkten Bruch. Bei einem indirekten Bruch folgt der Bruchsack dem inneren Leistenring und dem Leistenkanal. In beiden Fällen können Teile der Bauchorgane wie etwa der Darm und die Harnblase in den Bruchsack gelangen.
Patienten, bei denen es zu einer Einklemmung kommt, müssen umgehend vom Arzt behandelt werden. In zum Glück eher seltenen schweren Fällen kann die Einklemmung eine Durchblutungsstörung des Darms verursachen, berichtet Dr. Dirk Weyhe: „Dann besteht akute Lebensgefahr, die nur durch eine Notoperation abgewendet werden kann.“
Die meisten Patienten bleiben nach einer erfolgreichen Leistenbruch-OP beschwerdefrei. Bei einem geringen Prozentsatz entstehen anschließend chronische Schmerzen. Auch kann an der gleichen oder an anderer Stelle ein erneuter Bruch entstehen.
