Von Klaus Hilkmann
Frage:
In welchen Situationen sind Sie als Seelsorgerin im Krankenhaus besonders gefordert?Freitag:
Das sind meistens Grenzsituationen, die zum einen wirklich an der Grenze des Lebens verlaufen – dann, wenn das Leben bedroht ist. Dabei geht es nicht nur um den jeweils Betroffenen, sondern auch um die Menschen im Umfeld. Zudem geht es oft auch um die Grenzen innerhalb des Lebens, wenn sich etwa die Lebenssituation über einen gewissen Zeitraum gravierend verändert. Oft ist es so, dass die bisherigen Lebenspläne plötzlich nicht mehr realistisch sind und die Betroffenen sich dieser neuen Situation nicht gewachsen fühlen.Frage:
Wie stellen Sie sich auf die immer wieder neuen Situationen ein?Freitag:
Wir werden von den Stationen vorab bestmöglich auf die jeweiligen Patienten eingestellt. Es gibt aber auch Situationen, wo es sehr schnell gehen muss. Wenn ein Mensch im Sterben liegt, bleibt für die Vorbereitung kaum Zeit. Dann geht es zunächst darum, die Situation zusammen mit dem Patienten und den Angehörigen auszuhalten. Wichtig ist auch das Angebot der geistlichen Begleitung, wie etwa ein Gebet oder Segen. Bei kleinen Kindern besteht zudem die Möglichkeit einer Taufe kurz vor dem Lebensende. Die Station sagt mir in diesen Fällen bei ihrem Anruf zwar kurz, worum es geht. Damit weiß ich aber nur sehr wenig über die Menschen, um die es geht.Frage:
Wie gehen Sie in solchen Situationen vor?Freitag:
Man muss versuchen, eine angemessene Beziehung zu dem Betroffenen aufzubauen. Dafür ist es wichtig, dass man aufmerksam, wach und präsent ist. Zudem sollte man möglichst sensibel auf die Menschen eingehen, denen man begegnen wird. Gerade nach einer längeren Betreuung benötigen häufig auch Mitarbeiter der Station Hilfe und Zuspruch, weil sie die Situation sehr belastet.Die evangelische Pastorin Evelyn Freitag (Bild) arbeitet zusammen mit drei Kollegen in der Seelsorge des Klinikums Oldenburg.
