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NWZonline.de Ratgeber Gesundheit

Technik füllt Welt wieder mit Geräuschen

02.03.2019

Ganderkesee Sportinteressierten dürfte der Name Bastienne Bischof nicht ganz fremd sein: Die 27-Jährige ist in Ganderkesee vor allem für ihre sportlichen Erfolge und ihre Mitgliedschaft in der Leichtathletik-Gemeinschaft Gemeinde Ganderkesee (LGGG) bekannt. Was aber vielleicht weniger bekannt ist: Bastienne Bischof hört mit zwei Innenohrprothesen, mit sogenannten Cochlea-Implantaten (CI).

Hörend zur Welt gekommen, erkrankte Bastienne Bischof im Alter von sechs Monaten an einer Meningitis (Hirnhautentzündung). In der Folge ertaubte sie auf beiden Ohren. Damals war ihre Zukunft in allen Bereichen ungewiss. Die Welt hatte für die kleine Bastienne jegliche Töne verloren, alles war still – bis zu einem ganz besonderen Tag: der 28. Juli 1994, ein Donnerstag.

Was ist eigentlich ein Cochlea-Implantat?

Die Cochlea ist ein Bestandteil des Innenohres, in dem sich unzählige feine Sinneshaarzellen befinden. Diese leiten im gesunden Ohr die Schallwellen an den Hörnerv weiter.

Das Cochlea-Implantat (CI) ersetzt die fehlenden Sinneshaarzellen bei hochgradig oder an Taubheit grenzend schwerhörigen Menschen mit einem intakten Hörnerv. Es ermöglicht Kindern, Hören und Sprechen zu lernen, und auch im Laufe des Lebens Ertaubten, wieder hören zu können.

Über ein operativ unter die Kopfhaut und in das Innenohr eingesetztes Implantat sowie einen extern getragenen Prozessor werden Schallwellen mittels kleiner Mikrofone aufgenommen und in elektrische Signale umgewandelt. Diese werden über das Implantat im Innenohr an den Hörnerv weitergeleitet und erzeugen so im Gehirn einen Höreindruck.

Das erste Cochlea-Implantat wurde am 25. Februar 1957 von zwei französischen Ärzten implantiert.

Da lediglich 22 Elektroden am Implantat hierbei rund 15  000 Sinneshaarzellen in der Cochlea ersetzen, unterscheidet sich das Hören mit CI von dem eines Normalhörenden. Die Träger und Trägerinnen bleiben weiterhin hörgeschädigt.

Drei Jahre alt war Bastienne Bischof an diesem Tag, an dem sie für das rechte Ohr ein Cochlea-Implantat erhielt. In der Hals-Nasen-Ohrenklinik Hannover wurde ihr das CI eingesetzt und damit wieder die Tür zur Welt der Hörenden geöffnet. Sie lernte in mehrjähriger Rehabilitation und Logopädie das Hören und Sprechen. Neben den Reha-Aufenthalten besuchte sie auch kurzzeitig Sprachtherapeuten in Delmenhorst und später in Bremen.

Sprechen lernen mit CI

In ihrer Familie ist Bastienne die einzige Hörgeschädigte. Über die Zeit bis zur ersten Implantation sagt sie: „Ich habe nie die Gebärdensprache gelernt, dennoch hat mein Umfeld versucht, mir Zeichensprache beizubringen und vieles aufzumalen, damit ich meine Bedürfnisse und mein Befinden äußern konnte.“

Nach der Implantation habe ihr ihre Mutter Birgit Bischof – unter Anleitung der Logopäden der Uniklinik Hannover – Vieles zu Hause beigebracht. Bastienne Bischof wurde in dieser Zeit rein lautsprachlich erzogen. Weil sie sich während der Sprachtherapiezeit in Delmenhorst und Bremen nicht wohlfühlte, lernte sie das meiste daheim durch viele Übungen und unermüdliches Sprechen.

Heute merkt man ihr die Behinderung kaum an, sie spricht wie eine Normalhörende. Dennoch befürwortet sie mittlerweile eine bilinguale Spracherziehung von Kindern mit CI: „Kindern sollte die Deutsche Gebärdensprache in der unsicheren Zeit bis zur CI-Implantation nicht verwehrt werden, damit sie ihre Gefühle und Bedürfnisse kommunizieren können und keine nachhaltigen persönlichen Schäden erfahren“, sagt sie. Auch nach der Implantation helfe es, sowohl die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als auch die Lautsprache zu lernen. Es gebe im Alltag immer Situationen, in denen das Implantat ausfällt oder nicht eingesetzt werden kann und man auf einen anderen Kommunikationsweg angewiesen sei.

Für das Abi nach Essen

Die Schulzeit meisterte Bastienne Bischof größtenteils unter normal hörenden Mitschülern. Nach dem Besuch der Grundschule in Heide und dem erweiterten Realschulabschluss an der IGS Delmenhorst zog sie nach Essen. Dort absolvierte sie ihr Abitur am RWB (Rheinisch-Westfälisches Berufskolleg) Essen, eines der wenigen Gymnasien in Deutschland mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation.

Kurz vor ihrem 16. Geburtstag entschied sie sich von sich aus für ein zweites Cochlea-Implantat, das sie 2007 in der Uniklinik Kiel bekam. Dorthin fährt sie bis heute einmal jährlich zur lebenslangen, ambulanten Nachsorge, die mit einer Implantation einhergeht. „Jeder gesunde Mensch hat zwei Ohren, warum probiere ich es nicht aus, wie es mit zwei CIs klingt? Ich höre jetzt auf dem linken Ohr keine Sprache, mehr die hohen und tiefen Töne und Melodien, aber es unterstützt mich viel im Alltag“, erklärt sie. „Die Entscheidung bereue ich bis heute nicht.“

Hürden im Alltag

Nach dem Abitur begann sie in Münster eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen und arbeitet bis heute in der Uniklinik Münster. Im Alltag gilt es, auch mit zwei CIs, sich immer wieder Vorurteilen und Schwierigkeiten zu stellen.

„Vor allem in Gruppen ist die Kommunikation schwierig“, erklärt Bastienne Bischof, „man sucht in Gesprächen immer erst noch den einen Sprecher, während aber schon längst jemand anderer spricht. Man kommt oft nur schwer hinterher und verpasst den meisten Teil der Gespräche.“ Deswegen sucht sich Bastienne oft innerhalb der Gruppe einen Partner, mit dem sie dann den Großteil der Zeit verbringt.

Auch das Telefonieren bei der Arbeit fällt schwer. „Oft verstehe ich Namen auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht oder verpasse wichtige Informationen“, sagt sie.

Simple Dinge, wie zum Beispiel das Zugfahren, erweisen sich als Hürde, wenn es zu Zugausfällen oder Verspätungen kommt. Lautsprecherdurchsagen seien für Hörgeschädigte sehr schwer bis gar nicht zu verstehen. „Sobald eine Durchsage kommt, renne ich zum nächsten Schaffner oder suche eine Person auf, die in der Nähe steht, um an die Informationen zu kommen.“

Weniger Angst im Alltag

Nach wie vor anstrengend ist auch, trotz großer Fortschritte in der medizinischen Technik, die Kommunikation in mittellauter bis lauter Umgebung. Da das CI keine Hintergrundgeräusche so dämmen oder filtern kann, wie es die Ohren Normalhörender vermögen, werden Gespräche im Restaurant oder in Bars jedes Mal zur Herausforderung.

Für die Zukunft wünscht sich Bastienne, dass Normalhörende weniger Angst im Umgang mit Hörgeschädigten haben, und mehr auf sie zugehen. „Nicht selten werde ich wie ein Kleinkind behandelt oder bemitleidet, einfach weil man nicht weiß, wie man mit mir als Schwerhörige umgehen soll.“

Nachzufragen und offen zu sein sei da schon eine große Brücke. Was immer helfe, sei der direkte Blickkontakt, da Hörgeschädigte viel über das Lippenlesen und die Mimik entnähmen, wie sie erklärt. Grundsätzlich gelte es, im Gespräch in normaler Lautstärke und deutlicher zu sprechen.

Über den Sport zur DGS

Während ihrer intensiven und erfolgreichen Zeit in der Leichtathletik trainierte Bastienne Bischof nicht nur unter der Leitung ihrer Mutter und ihrer zweiten Trainerin Dorle Rackebrandt in einem hörenden Team, sondern schaffte es später auch ins Deutsche Nationalteam der Gehörlosen. Auch hier lebte sie ihre Leidenschaft für die Leichtathletik und nahm an zahlreichen Wettkämpfen für Gehörlose, auch im Ausland, teil.

„Als ich zum ersten Mal dort trainierte, war ich die Einzige in der Gruppe, die keine Deutsche Gebärdensprache konnte“, erinnert sie sich. „Deshalb habe ich dann im Teenageralter angefangen, von den anderen richtig DGS zu lernen. Heute sind der Großteil meiner Freunde gehörlos oder ebenfalls CI-Träger und -trägerinnen. Das war früher eher umgekehrt“, erzählt sie. Der Leichtathletik ist sie treu geblieben.

Im April zieht Bastienne voraussichtlich zu ihrem Freund nach Heidelberg. „Vielleicht komme ich hier mit mehr mit Menschen in Kontakt. Das wäre schön, denn das direkte Gespräch mit Menschen hat mir bislang etwas gefehlt“, sagt Bastienne Bischof. „Und auf jeden Fall werde ich dort Anschluss an einen Verein suchen“, ist sich die nach wie vor begeisterte Hobby-Leichtathletin schon jetzt sicher.NWZ

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