Der Dry January ist vorbei, die Fastenzeit hat gerade begonnen. Für viele Menschen eine gute Gelegenheit, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren oder es ganz sein zu lassen. Die auch aus dem Fernsehen bekannte Autorin und Bloggerin Nathalie Stüben hat sich vor einigen Jahren für ein Leben ohne Alkohol entschieden. Im Interview gibt sie Tipps, wie es gelingen kann.
Das gewohnte Feierabendbier oder das allabendliche Glas Wein: Kann man sich diese Gewohnheit einfach verbieten – oder kann so eine Strategie gar nicht funktionieren?
Nathalie StübenDer Trick liegt darin, zu etwas hin zu wollen. Also den Fokus nicht darauf zu legen, auf was ich verzichte. Sondern darauf, was ich gewinne. Und das ist einiges, sogar schon, wenn man sein Glas Wein am Abend mal für ein paar Wochen weglässt: bessere Stimmung, schönere Haut, tieferer Schlaf, mehr Gelassenheit, mehr Klarheit im Kopf, schnelleres und genaueres Denken, mehr Kondition, mehr Lust darauf, seine Tage und sein Leben zu leben. Und das sind nur mal so ein paar Verbesserungen, die mir spontan einfallen. Es gibt etliche.
Anhaltender Stress oder ein schlimmes Ereignis sind häufig Auslöser für übermäßigen Konsum. Wie wirkt Alkohol in solchen Momenten – und warum braucht man immer mehr?
Nathalie StübenAlkohol ist kein Stresskiller. Dieser Mythos hält sich hartnäckig, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Alkohol sorgt im ersten Moment für Entspannung, aber für diesen Effekt zahlt man einen Preis. Unser Hirn strebt immer nach Balance und das, was man sich da an künstlicher Entspannung erkauft, das rächt sich. Nicht nur am nächsten Morgen, wenn man unzufrieden und gereizt aufwacht. Je länger und je mehr man trinkt, desto mehr schleicht sich diese Unzufriedenheit ins Leben – die wir dann wiederum durch Alkohol betäuben wollen. Ein klassischer Weg in diese Abwärtsspirale.
Das Buch „Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens“ hat Nathalie Stüben bekannt gemacht. Es ist vor gut zwei Jahren im Kailash-Verlag erschienen.
Auf ihrer Homepage „Ohne Alkohol mit Nathalie“ (https://oamn.jetzt) gibt es einen Blog zu unterschiedlichen Themen.
In ihrem Podcast spricht Nathalie Stüben mit unterschiedlichsten Menschen, die von ihren Erfahrungen mit Alkohol berichten.
Stichwort Dopamin: Was tun, wenn einem dies beim Verzicht fehlt?
Nathalie StübenGeduld haben, weil sich vieles im Hirn von allein wieder ausbalanciert. Parallel dazu empfehle ich, sich daran zu erinnern, was einem wirklich Spaß macht, wo man sich so richtig lebendig fühlt – oder früher mal gefühlt hat – und sich das dann immer wieder mal ins Leben einzubauen. Und wenn es anfangs noch nicht so funzt wie früher, Geduld haben, das kommt wieder. Versprochen.
Und was, wenn man ganz plötzlich doch so richtig Lust auf ein Bier bekommt?
Nathalie StübenGar nicht erst in die innere Diskussion einsteigen, sondern sofort ablenken. Zum Beispiel nach Hause gehen oder rausgehen, wenn man zu Hause ist. Kalt duschen, in eine Chili beißen, schnell rennen, Freundin anrufen, laut Musik anmachen und tanzen. Und wissen: Meistens hat sich dieses Verlangen nach 20 Minuten erledigt.
Wo sehen Sie am häufigsten die Ursachen für einen riskanten Umgang mit Alkohol?
Nathalie StübenIn unserer katastrophalen Alkoholpolitik. International gelten wir in Deutschland, was das angeht, als Entwicklungsland. Jugendliche dürfen hier in Begleitung ihrer Eltern schon mit 14 trinken. Alkohol ist im Verhältnis zum Einkommen so billig wie nirgends sonst in Europa, wir können ihn 24/7 kaufen, an Tankstellen und Automaten und werden an jeder Ecke mit Werbebotschaften bombardiert, die vermitteln, wie sexy und gesund und glücklich wir mit Drink in der Hand sind – obwohl der eigentliche Konsum uns auf Dauer krank und unglücklich macht. In diesem Klima ist es kein Wunder, dass Millionen von Menschen problematisch trinken und noch nicht einmal wissen, wie sehr sie sich damit vergiften.
Wann sollte man sich professionelle Unterstützung zum Aufhören holen, wann kann man es im Alleingang schaffen?
Nathalie StübenWem übel wird, wer zittert oder schwitzt, wenn er keinen Alkohol trinkt, der ist körperlich abhängig und sollte sich für den Entzug von einer Ärztin oder einem Arzt beraten und begleiten lassen. Alle anderen können es theoretisch allein versuchen. Aber allein ist es halt auch schnell einsam und Verbindlichkeit erhöht die Erfolgschancen. Also dass man zumindest mal einer Person sagt: Ich möchte das jetzt ohne Alkohol versuchen. Dafür gibt es neben den klassischen Angeboten mittlerweile aber auch Möglichkeiten, das von zu Hause aus zu machen, zum Beispiel mit meinem 30-Tage-Onlineprogramm.
Was denken die anderen? Diese Frage stellen sich viele, die mit dem Trinken von Alkohol aufgehört haben. Wie kann man in Gesellschaft damit umgehen?
Nathalie StübenEntweder die Wahrheit sagen oder die Wahrheit so formulieren, dass das jeweilige Gegenüber sie leichter akzeptieren kann: Ich muss noch fahren, ich mache gerade so einen Versuch und trinke mal 30 Tage nichts, ich möchte morgen fit sein, ich möchte abnehmen, ich möchte mal entgiften, Alkohol tut mir nicht mehr gut, ich vertrage ihn nicht mehr so gut. Damit können mittlerweile schon viele gut leben.
