Kiel/Mönchengladbach - Bei einer Allergie lautet der Rat normalerweise: dem Auslöser aus dem Weg gehen. Was bei Erdnüssen oder Nickel einigermaßen klappen mag, ist bei Pollen unmöglich. Denn der feine Blütenstaub wird kilometerweit durch die Luft getragen, bleibt in Stoff und Haaren hängen, ist überall. „Selbst wenn Sie sich im Keller einschließen, würden wahrscheinlich noch kleine Pollen durch die Fensterritzen hineinfliegen“, sagt Prof. Regina Fölster-Holst. Sie ist Oberärztin der Dermatologie am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Und eine Pollenallergie kann die Freude am Frühling ordentlich trüben. Die Nase läuft, die Augen tränen, die Haut juckt. All das passiert, weil der Körper die Pollen als Gefahr deutet. „Das Immunsystem hängt an der Decke, es ist viel zu aktiv“, sagt Regina Fölster-Holst. Aber wie können Betroffene mit dem Heuschnupfen umgehen? Hier kommt ein Überblick:
Die Pollenallergie an der Wurzel packen – das geht nur mit einer spezifischen Immuntherapie. „Dabei wird das Immunsystem überlistet, indem man dem Patienten eine ganz, ganz, ganz kleine Menge des Allergens verabreicht, die im weiteren Verlauf langsam aber sicher gesteigert wird“, sagt Regina Fölster-Holst.
In aller Regel wird das Allergen unter die Haut gespritzt, erst wöchentlich, später monatlich. Aber es braucht Ausdauer: „Die spezifische Immuntherapie muss mindestens drei Jahre, besser fünf Jahre, durchgeführt werden“, sagt Regina Fölster-Holst.
Erst dann hat sich das Immunsystem an das Allergen gewöhnt und begreift es nicht mehr als Gefahr. Die Beschwerden bessern sich, man braucht weniger Medikamente. „Eine spezifische Immuntherapie verhindert, dass weitere Allergene dazukommen und sich ein Etagenwechsel, also etwa ein Asthma, ausbildet“, sagt Regina Fölster-Holst.
Die Diagnostik
Viele Menschen versuchen im Alleingang, ihre Pollenallergie in den Griff zu bekommen. Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergiker- und Asthmabund rät allerdings dazu, sich die Pollenallergie ärztlich diagnostizieren zu lassen. Anlaufstelle ist dafür ein Allergologe oder eine Allergologin. Oft sind es HNO-, Lungen- oder Hautärzte, die diese Zusatzqualifikation haben. Warum ist die Einschätzung eines Profis so wichtig? „Die Pollenallergie kann sich verstärken – es kann sogar ein allergisches Asthma daraus entstehen.“ In der Medizin ist dann oft von einem „Etagenwechsel“ die Rede. Entwickelt sich ein Asthma, sind nicht mehr nur die oberen Atemwege betroffen, sondern die Bronchien in der Lunge – eine „Etage“ tiefer. Starke Hustenanfälle mit Atemnot können die Folge sein. „Eine Diagnostik ist aber auch wichtig, um herauszufinden: Worauf genau reagiere ich überhaupt?“, sagt Anja Schwalfenberg. Ein weiterer Vorteil: Ein Arzt oder eine Ärztin kann entscheiden, welche Medikamente die Beschwerden am besten lindern können.
Welche Medikamente?
Eine Gruppe von Medikamenten, die die lästigen Symptome eines Heuschnupfens lindern können, sind die sogenannten Antihistaminika. Es gibt sie als Tabletten, Augentropfen oder Nasenspray. Antihistaminika unterbinden die allergische Reaktion des Körpers, indem sie die Rezeptoren des Botenstoffs Histamin blockieren. Einige Wirkstoffe wie Cetirizin oder Loratadin sind frei verkäuflich, andere gibt es nur auf Rezept. Gängig sind Antihistaminika der zweiten Generation. „Sie machen weniger müde als die der ersten Generation“, sagt Regina Fölster-Holst. Wer zum Beispiel eine Radtour vorhat, sollte vorsorgen. „Heißt: Das Antihistaminikum etwa schon zu Hause nehmen. Wenn die Nase läuft, die Augen jucken und Sie wie verrückt niesen, können Sie schließlich nicht mehr Fahrrad fahren“, sagt die Dermatologin. Regina Fölster-Holst rät außerdem dazu, das Antihistaminikum nicht nach Bedarf zu nehmen, sondern in der Blütezeit des jeweiligen Allergens durchgängig für drei oder vier Wochen. „Mal nehmen, mal nicht – das bringt nichts.“ Was genau bei der Einnahme zu beachten ist, hängt vom jeweiligen Präparat ab.
Doch nicht immer reichen Antihistaminika aus. Dann kommen kortisonhaltige Sprays oder Augentropfen zum Einsatz. „Kortison hemmt Entzündungen. Denn jede Allergie ist ein entzündlicher Prozess“, sagt Fölster-Holst. Wichtig zu wissen: Die heilen die Pollenallergie nicht, sie lindern nur ihre Symptome.
Schon kleine Gewohnheiten können Unterschiede machen. So ist häufiges Haarewaschen sinnvoll. Zusätzlicher Schutz: Tuch oder Kappe tragen. „Denn Pollen können in den Haaren hängen bleiben“, sagt Anja Schwalfenberg. So kann es passieren, dass man sie mit ins Bett trägt – und die Nase nachts heftig läuft. „Die Kleidung am besten nicht im Schlafzimmer ausziehen“, rät Schwalfenberg. Stichwort Wäsche. So schön es ist, die Kleidung nun wieder an der frischen Luft trocknen zu können: Man muss damit rechnen, dass sich Pollen im Stoff festsetzen. Pollenschutzgitter an den Fenstern sorgen dafür, dass weniger Blütenstaub in Wohnung oder Haus gelangt.
Wissen sammeln
Pollenflugvorhersagen, zum Beispiel vom Deutschen Wetterdienst, können helfen. Die Infos kann man nutzen, um sein Verhalten anzupassen. „Wenn starker Pollenflug angesagt ist, sollte man vielleicht nicht unbedingt draußen Sport treiben, sondern sich eine Alternative suchen – etwa in der Halle oder im Fitnessstudio“, sagt Anja Schwalfenberg. Und es lohnt, sich näher mit den Pflanzen zu beschäftigen, auf deren Pollen man reagiert. Wer etwa die Birke im Hinterhof „lesen“ kann, weiß, wann er den Balkon meiden oder die Wäsche dort besser nicht trocknen sollte.
