Dr. Ulrich Fegeler (Bild) ist Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte mit Sitz in Köln.

Was können Gründe sein, wenn das Kleinkind dauernd schreit?

FegelerEin wichtiger Grund kann Hunger sein. Denn in diesem Alter haben Babys und Kleinkinder keine andere Chance als zu schreien, um auf ihren Hunger aufmerksam zu machen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass das Kind ganz einfach Körperkontakt sucht und mit dem Schreien aufhört, sobald es auf den Arm genommen wird. Denn die Mutter wird vom Säugling wie ein Teil des eigenen Körpers empfunden, weshalb das Schreien auch wie ein Ruf nach einem entbehrten Körperteil ist. Ein sanfter Körperkontakt trägt meistens schon sehr viel dazu bei, dass sich das Baby beruhigt.

Wie ist es mit sogenannten Schreikindern?

FegelerVon Schreikindern spricht man laut medizinischer Definition, wenn das Kind mehr als drei Stunden an mehr als drei Tagen in der Woche und mehr als drei Wochen andauernd schreit. Betroffene Kinder leiden oft unter einer frühkindlichen Regulationsstörung. Sie haben dann noch nicht die Fähigkeit, sich nach einer Aufregung wieder runterzuregulieren.

Wie sollten sich die Eltern verhalten?

FegelerErstens sollte man ihnen sagen, dass sie keine Schuld haben. Der Kinderarzt muss zuvor aber alle in Frage kommenden somatischen Ursachen ausgeschlossen haben und kann den Eltern dann sagen, dass ihr Kind noch nicht die Reife erreicht hat, die es für eine bessere Regulation benötigt. Ein Trost ist, dass das Schreien mit dem fortschreitenden Reifungsprozess des Hirns oft plötzlich komplett aufhört.