Sande - Nach Angaben der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) werden bundesweit pro Jahr rund 2500 neue MS-Fälle diagnostiziert. Erste Symptome der Erkrankung zeigen sich meistens im jungen Erwachsenenalter zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. In selteneren Fällen tritt die Erkrankung schon im Kindes- und Jugendalter auf. Noch seltener ist, dass sich erst im Alter erste Anzeichen bemerkbar machen.
Die Ursachen für eine MS-Erkrankung sind noch unbekannt. „Es sind keine einzelnen Risikofaktoren bekannt, die wissenschaftlich nachweisbar zu einer MS-Erkrankung führen“, so Prof. Dr. Pawel Kermer, Chefarzt der Neurologischen Klinik des Nordwest-Krankenhauses Sanderbusch in Sande (Kreis Friesland). Sicher sei nur, dass es eine genetische Disposition und eine familiäre Häufung gibt. Allerdings sei MS keine Erbkrankheit.
Fehlgeleitete Abwehr
Bei einem gesunden Menschen sendet das Gehirn über das Rückenmark in jeder Sekunde eine Vielzahl von Signalen bis in die Zehen und Fingerspitzen aus. Als Leitungssystem werden im gesamten Körper verteilte Nervenfasern genutzt, die – ähnlich wie ein Elektrokabel – jeweils von einer Schutzschicht umgeben sind. Bei einer MS kommt es im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks zu Entzündungen des Nervensystems, die durch eine Fehlprogrammierung des körpereigenen Abwehrsystems ausgelöst werden. Anstelle von schädlichen Eindringlingen bekämpft das Immunsystem den eigenen Körper.
Die dabei gebildeten Antikörper heften sich an die Schutzhülle der Nervenfasern und sorgen von dort aus für Störungen und Schädigungen. Als Folge kann es zu MS-typischen Beschwerden inklusive der gefürchteten neurologischen Ausfälle kommen, erklärt Prof. Dr. Kermer: „Die vom Gehirn ausgesendeten Botschaften können wegen der Entzündung nicht mehr richtig übertragen werden.“
Erste MS-Symptome sind dann zum Beispiel Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen, unerklärliche Sehstörungen oder auch Koordinationsprobleme, die etwa zu einem vermehrten Stolpern beim Gehen führen.
Zum Entstehen einer MS trägt in der Regel eine Vielzahl von Ursachen bei. Da die MS zudem sehr unterschiedliche Beschwerden auslösen und bei jedem Betroffenen anders verlaufen kann, wird sie auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Eine MS-Erkrankung kann sich in verschiedenen Formen zeigen, geht aber meistens in einen chronischen Verlauf über. Bei rund 70 Prozent der Erkrankten tritt sie in unregelmäßig verlaufenden Schüben auf. Die Beschwerden stellen sich dann plötzlich und ohne ersichtlichen Grund ein. Nach einiger Zeit verschwinden sie weitgehend oder komplett – bis zum nächsten Schub.
Frühzeitig behandeln
Vor allem bei einem zunächst milden Verlauf bleibt eine MS oft lange Zeit unerkannt. Genau das kann für die Betroffenen schlimme Folgen haben, die man in den meisten Fällen verhindern könnte, so Prof. Dr. Kermer: „Dank neuer medizinischer Möglichkeiten und modernen Medikamenten können wir MS-Patienten heute vor allem dann gut helfen, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird.“
Aktuelle Untersuchungen bestätigen, dass die meisten MS-Betroffenen ihre Erkrankung mit einer effektiven und konsequenten Behandlung gut in den Griff bekommen können. So gelinge es immer besser, sowohl die Häufigkeit wie auch die Heftigkeit der Schübe zu verringern. Dessen ungeachtet kann man einen schweren Krankheitsverlauf nach wie vor nicht ausschließen. Die DMSG geht davon aus, dass MS in etwa fünf Prozent der Fälle dazu führt, dass der Betroffene auf einen Rollstuhl angewiesen ist.
Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich gerade bei einem schubförmigen Verlauf dank neu entwickelter Medikamente deutlich verbessert. Das gilt sowohl für die Basistherapie, die eine Verringerung der Krankheitsaktivität zum Ziel hat, wie für die Eskalationstherapie, die dann zur Anwendung kommt, wenn die Erkrankung hochaktiv ist oder mit der Basistherapie nicht beherrscht werden kann.
Bei der Behandlung einer MS-Erkrankung kommt es vor allem darauf an, das Entstehen von Entzündungsherden im Nervensystem zu verhindern sowie diese im Akut-Fall zum Abklingen zu bringen. Dafür muss von außen beruhigend auf das Immunsystem eingewirkt werden. Möglich ist das mittels verschiedener, gerade in jüngster Zeit optimierter oder neu entwickelter Wirkstoffe.
Entsprechende Medikamente können im Rahmen der Basistherapie je nach Art der Erkrankung und unter Berücksichtigung der Patientenbedürfnisse täglich als Tablette eingenommen oder einmal beziehungsweise mehrfach in der Woche in die Muskulatur oder das Unterhautfettgewebe gespritzt werden.
Die Wirkstoffe führen mitunter auch zu Nebenwirkungen wie Magen-/Darmbeschwerden oder Haarausfall, berichtet Prof. Dr. Pawel Kermer. Schon deshalb müsse die Einnahme der Medikamente in jedem Einzelfall als Ergebnis einer sorgfältigen Diagnostik vom Arzt verordnet und genau kontrolliert werden.
