Die Versorgung von Menschen mit einer schweren Hörschädigung richtet sich vor allem nach der Form ihrer Schwerhörigkeit. Während ein Hörgerät vor allem die Lautstärke des Gehörten anhebt, kann ein Cochlea-Implantat die Qualität der akustischen Wahrnehmung verbessern. Dazu informierten Expertinnen und Experten in der Sprechzeit anlässlich des Welttags des Hörens. Hier einige Fragen und Antworten:
Wann ist ein Hörgerät die richtige Lösung, wann ein Cochlea-Implantat?
Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. med. Ulrich HoppeHörgeräte helfen gut bei leichtgradigen und mittleren Hörverlusten. Wenn jedoch die Hörschädigung zu ausgeprägt ist, kann nur ein Cochlea-Implantat das Hören ausreichend verbessern und Sprache wieder verständlich machen. Ein erster Hinweis im Alltag könnte zum Beispiel sein, dass auch mit Hörgerät der Fernseher noch sehr laut eingestellt ist.
Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat?
Marcus NartschikDas Cochlea-Implantat besteht aus zwei Teilen, einem äußeren und einem inneren, implantierten Teil. Deshalb sprechen wir von einem Cochlea-System, kurz CI-System. Der äußere Teil besteht aus einem Mikrofon in einem Soundprozessor, der Schallsignale in elektrische Signale umwandelt. Diese werden von einer Sendespule auf der Kopfhaut drahtlos an eine Empfängerspule unter der Kopfhaut übertragen. Diese wiederum ist mit einer Elektrode im Innenohr verbunden, die die Funktion der geschädigten Hörschnecke – medizinisch Cochlea – ersetzt. Von dort werden die Signale direkt an den Hörnerv und weiter ins Gehirn übertragen. Vereinfacht gesagt sorgt ein CI-System für eine Direktübertragung von Signalen an den Hörnerv.
Die oben aufgeführten Experten sind: Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Matthias Hey: Audiologe; Leiter der Audiologie an der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Phoniatrie und Pädaudiologie; Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. med. Ulrich Hoppe: Professor für Audiologie; Leiter der Abteilung Audiologie an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Uniklinikum Erlangen
Marcus Nartschik: Hörakustikmeister; Hörwerk Quedlinburg
Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Radeloff: Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde; Direktor der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg, Universitätsmedizin Oldenburg
Michael Willenberg: Hör- und CI-Akustiker; Gromke Hörzentrum; Leipzig
Weitere Informationen unter: • Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft: www.dcig.de
• Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: www.hno.org
• Cochlear Deutschland: www.cochlear.de
Kann es sinnvoll sein, Hörgerät und Cochlea-Implantat zu kombinieren?
Univ.-Prof. Dr. med. Andreas RadeloffJa, es sollten immer beide Ohren optimal versorgt sein. Bei einem unterschiedlich stark ausgeprägten Hörverlust ist daher eine Kombination aus Hörgerät und Cochlea-Implantat sinnvoll.
Ist die Implantation eines CI aufwendig? Welche Risiken bestehen?
Univ.-Prof. Dr. med. Andreas RadeloffDie CI-Operation ist eine stark standardisierte und sehr sichere Operation, die an spezialisierten Zentren häufig durchgeführt wird. Der Eingriff dauert etwa 90 Minuten, erfolgt unter Zuhilfenahme eines Operationsmikroskops und weiterer technischer Systeme. Der Eingriff ist zwar technisch aufwendig, für die Patientinnen und Patienten aber wenig belastend. Seltene Komplikationen sind das Auftreten von meist vorübergehendem Schwindel oder einseitigen Geschmacksstörungen sowie eine Schädigung des Gesichtsnervs. Letzteres ist in spezialisierten Zentren äußerst selten – da der Operateur durch ein sogenanntes Nervenmonitoring alarmiert wird, wenn eine Präparation nah am Gesichtsnerv erfolgt.
Wie lange dauert es, bis man das Hören mit einem CI-System gelernt hat?
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Matthias HeyMeist versteht man nach dem ersten Einschalten des neuen Hörsystems schon die ersten Worte. Das Ohr hat jedoch bei der Mehrheit der Patienten in den letzten Jahren wenig bis gar nichts gehört. Es ist also zunehmend untrainiert und die Patienten tun sich anfänglich mit den neuen Höreindrücken schwer. Es dauert oftmals mehrere Monate, bis sich das Ohr wieder an gutes Verstehen gewöhnt und das neue Hörsystem in seiner vollen Leistung genutzt werden kann. Hierzu bieten die einzelnen CI-Zentren Programme an, die Betroffene beim Erlernen des „neuen Hörens“ möglichst effektiv unterstützen.
Zu meinem letzten Hörgerät musste ich viel zuzahlen. Wie ist die Kostenübernahme bei einem Cochlea-Implantat geregelt?
Michael WillenbergFür Hörgeräte zahlen die gesetzlichen Krankenkassen bei vorliegender Indikation und Verordnung einen Festbetrag. Wenn Kunden zusätzliche Ausstattungsmerkmale nutzen möchten, können Zuzahlungen erforderlich werden. Anders ist das bei Cochlea-Implantaten, da diese keine Hilfsmittel, sondern Teil einer Therapie sind. Liegt hier die eindeutig in Leitlinien definierte Indikation vor, werden die Kosten der Versorgung, die neben dem operativen Eingriff auch aus umfangreichen Rehabilitationsmaßnahmen bestehen, von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
