Während die Akutversorgung nach einem Schlaganfall in Deutschland flächendeckend gut organisiert ist, besteht nach Erkenntnissen der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe bei der anschließenden Behandlung Nachholbedarf, insbesondere für die Therapie von Bewegungsstörungen wie Lähmungen oder Spastiken. Zu den Therapiemöglichkeiten informierten Expertinnen und Experten der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe in der Lesertelefonaktion Sprechzeit:

Mein Mann liegt nach einem Schlaganfall in der Akutklinik. Was muss ich beachten, damit er anschließend die bestmögliche Therapie bekommt?

Susann SchutterIn der Regel wird sich der Sozialdienst der Klinik darum kümmern, dass Ihr Mann einen Rehaplatz erhält. Nach Möglichkeit sollte sich die Reha direkt anschließen, damit die Therapien so früh wie möglich beginnen können. Wichtig ist, dass Schlaganfall-Patienten eine spezielle neurologische Rehabilitation erhalten. Dort ist die Therapiedichte höher als zum Beispiel in einer geriatrischen Reha.

Vier Monate nach meinem Schlaganfall kommt es immer mehr zu schmerzhaften Verkrampfungen am Handgelenk. Warum?

Priv.-Doz. Dr. med. John-Ih LeeSpastische Bewegungsstörungen sind eine verzögert eintretende Folge eines Schlaganfalls. Durch die Schädigung des Gehirns kommt es zu einer Störung in der Steuerung der Muskulatur. Die Folge ist eine unwillkürliche, mehr oder weniger ausgeprägte Anspannung der betroffenen Muskeln. Spastiken treten besonders häufig drei bis sechs Monate nach dem Schlaganfall auf. Im Einzelfall können sie wieder abnehmen. Oft haben sie jedoch die Tendenz, sich zu verschlechtern und sollten deshalb unbedingt neurologisch untersucht und behandelt werden.

Die Experten am Lesertelefon

Die fachkundige Beratung am Lesertelefon übernahmen folgende Expertinnen und Experten der Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe:

Priv.-Doz. Dr. med. John-Ih Lee Leitender Oberarzt, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Düsseldorf, Sprecher des Neurovaskulären Netzwerkes Nordrhein plus (NEVANO+)

Jochen Steil Leiter Technische Orthopädie, Orthopädie Brillinger, Tübingen

Susann Schutter Leitende Physiotherapeutin, P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation, Berlin

Gabriele Reckord Fachanwältin für Medizinrecht

Weitere wertvolle Informationen bietet die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe:

www.schlaganfall-hilfe.de

Meine Hausärztin hat mir eine Orthese für den gelähmten Arm verordnet. Heißt das, therapeutisch ist da nichts mehr zu machen?

Jochen SteilFrüher kamen Hilfsmittel häufig erst zum Einsatz, wenn nichts mehr anderes ging. Mittlerweile ist dieses Vorgehen jedoch wissenschaftlich widerlegt. Heute gilt: Notwendige Hilfsmittel sollen so schnell wie möglich nach dem Schlaganfall eingesetzt werden. Sie erleichtern den Alltag und bringen Lebensqualität zurück. Manchmal können sogar erst durch die Orthese in Verbindung mit intensiver Therapie neue Rehabilitationsziele geschaffen werden. Bei der Hand sollte allerdings penibel darauf geachtet werden, dass die Orthese auf keinen Fall die funktionelle Nutzung der Hand beeinträchtigt. In jedem Fall empfehle ich zur Schienenversorgung eine intensive ergo- und physiotherapeutische Unterstützung.

Vor einem halben Jahr hatte ich einen Schlaganfall. Ich bin rechtsseitig gelähmt und mache trotz Physiotherapie beim Gehen keine Fortschritte mehr. Was kann ich tun?

Susann SchutterWer gehen lernen will, muss gehen. Sie benötigen auf jeden Fall eine Praxis mit erweiterten Kenntnissen in der Behandlung neurologischer Erkrankungen wie einem Schlaganfall. Sehr wichtig ist die Ausstattung unter anderem mit einem Laufband, einem Gangtrainer oder einem Gangroboter. Sie sollten selbstständig täglich gehen und sich gegebenenfalls in einem Sanitätshaus mit neurologischer Kompetenz beraten lassen, welche Hilfsmittel unterstützen können.

Meine Frau erhält ambulante Physio- und Ergotherapie, doch sie bräuchte mehr Training. Hat sie einen Anspruch darauf?

Gabriele ReckordDas kommt auf die Umstände des Einzelfalls an, insbesondere auf den jeweiligen Bedarf, die Prognoseerwartung und das Therapieziel. Der Anspruch richtet sich für Kassenpatienten nach §32 SGB V. Physio- und Ergotherapie können in begründeten Fällen als Doppelbehandlung verordnet werden. Heilmittel können je nach Einzelfall von vornherein für die Dauer eines Jahres nach dem Akutereignis und außerhalb des ärztlichen Budgets verordnet werden. Nach Ablauf dieses ersten Jahres bestehen im Einzelfall Verlängerungsoptionen für weitere Jahre. Sprechen Sie dazu am besten ihren behandelnden Arzt oder Therapeuten an.

Mein Hausarzt hat mir Physiotherapie gegen die Spastiken verordnet – das hilft aber kaum. Gibt es andere Möglichkeiten?

Priv.-Doz. Dr. med. John-Ih LeeEs gibt auch wirksame medikamentöse Behandlungen für spastische Bewegungsstörungen. Sie sollten sich bei einem Neurologen vorstellen. Dieser entscheidet dann, welche medikamentöse Therapie für Sie sinnvoll ist und überweist Sie gegebenenfalls an eine Botulinumtoxin-Ambulanz. Durch eine lokale, medikamentöse Behandlung der betroffenen Extremität in Verbindung mit Physiotherapie lassen sich oft erstaunliche Verbesserungen erzielen.

Seit meinem Schlaganfall gehe ich am Rollator, was mir sehr unangenehm ist. Gibt es andere Möglichkeiten, das Gehen zu stabilisieren?

Jochen SteilEs gibt immer mehr Hilfsmittel, die das Gehen verbessern können. Angefangen von eher statischen Orthesen, die einen Sturz vermeiden sollen, bis hin zu komplexen technischen Lösungen wie der funktionellen Elektrostimulation, die den fehlenden Bewegungsimpuls an den Nerv sendet. Sie sollten sich zunächst in einem Sanitätshaus mit neurologischer Kompetenz beraten lassen.