Oldenburg - Eine vom Bundesverband der gesetzlichen Krankenkassen zusammengestellte Übersicht zeigt, dass bis einschließlich 1983 Grippeerkrankungen die am häufigsten diagnostizierte Krankheitsart waren, die zu einer Arbeitsunfähigkeit geführt hat. 1984 haben erstmals Rückenerkrankungen die Spitzenposition in dieser Statistik eingenommen – und seitdem nicht mehr abgegeben. Die in der Datensammlung unter der Bezeichnung sonstige und nicht näher bezeichnete Affektionen des Rückens zusammengefassten Krankmeldungsgründe nehmen in Deutschland seit mehr als 30 Jahren kontinuierlich zu.
Künftig weitere Zunahme
Rückenbeschwerden treiben demnach nicht nur die insgesamt verzeichneten Fallzahlen nach oben, sondern sind in absoluten Zahlen auch die Erkrankungsform mit den meisten Fehltagen. Zum Beispiel hatten die 1984 auf Platz zwei abgerutschten Erkrankungen der Atemwege in diesem Jahr noch eine fast gleich hohe Fallzahl, aber deutlich weniger als die Hälfte der Fehltage mit der Diagnose Rückenbeschwerden verursacht. Dieser Trend habe sich bis heute gehalten und weiter verstärkt, berichtet Dr. Mathias Dietrich, Facharzt für Arbeitsmedizin und bis vor kurzem langjähriger Leiter des Arbeitsmedizinischen Dienstes Oldenburg: „Aktuelle Studien lassen den Schluss zu, dass der Anteil rückenbedingter Krankschreibungen in Zukunft weiter zunehmen wird.“
Als Grund für die zunehmenden Rückenerkrankungen nennen Arbeitsmediziner vor allem Bewegungsmangel, Zwangshaltungen und Übergewicht. Eine wesentliche Ursache dieser in allen Altersklassen zunehmenden Zivilisationserscheinung sei neben einer oft einseitigen, zu üppigen Ernährung der technische Fortschritt, der für eine Vielzahl von Tätigkeiten einen immer geringeren körperlichen Aufwand erfordert. Zudem führe ein verändertes Freizeitverhalten mit fast unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten dazu, dass die Menschen einen Großteil ihrer Freizeit auf dem Sofa oder vor dem Computer verbringen.
Dazu kommt, dass der Stellenwert körperlicher Tätigkeiten auch in der Arbeitswelt abnimmt. „Selbst in der Industrie wird die Arbeit heute größtenteils von computergesteuerten Maschinen getätigt. Statt mit dem Schraubenschlüssel arbeiten viele Produktionsmitarbeiter in erster Linie mit elektronischen Steuerungen“, betont Dietrich.
Wer den Bewegungsmangel nicht durch Sport oder andere körperliche Tätigkeiten ausgleiche, gerate in einen schlechten Trainingszustand – inklusive einer unzureichend ausgebildeten Rücken- und Schultermuskulatur. Als Folge stellen sich dann Überlastungen und Verspannungen ein, die nicht selten den gesamten Nacken- und Rückenbereich umfassen und auch Folgebeschwerden wie Kopfschmerzen verursachen.
Körper aufrecht halten
Wie sehr etwa die Wirbelsäule durch zu viele Pfunde belastet wird, zeige schon ein seitlicher Blick auf die Körperachse. Der Halte-Apparat sei bei Menschen mit Normalgewicht so konstruiert, dass die rund acht Zentimeter von der Mitte des Wirbelkörpers bis zu den Dornfortsätzen der Wirbelsäule als Hebel ausreichen, um den Körper aufrecht zu halten. Ein zu großer und entsprechend schwerer Brust- und/oder Bauchumfang sorgt für ein Ungleichgewicht, so Dietrich: „Bei übergewichtigen Menschen muss die Rückenmuskulatur ein Vielfaches der Kraft aufwenden, um zu verhindern, dass der Oberkörper nach vorn kippt.“
Für gut trainierte Menschen müsse ein vergleichsweise hohes Körpergewicht kein Problem sein. Anders sei das, wenn die Rückenmuskulatur mangels Bewegung nur schwach ausgeprägt ist. Dann verursache jedes Kilogramm zu viel eine Überbelastung der tragenden Strukturen mit Folgebeschwerden bis hin zu einer fortschreitenden Degeneration der Wirbelgelenke und einem oft damit korrespondierenden Bandscheibenvorfall. Übergewichtige Menschen müssen mitunter schon früh mit starken Verschleißerscheinungen rechnen. Das gelte besonders für die Wirbelsäule, die eigentlich sehr belastungsfähig sei, auf Fehlbelastungen aber sehr empfindlich reagiere.
Gerätetraining im Fitnessstudio allein reicht für ein gutes Muskeltraining nicht aus. Wer seinem Rücken etwas Gutes tun möchte, sollte zugleich die Koordinationsfähigkeit und die Beweglichkeit verbessern. Erreichen können man das mit einem Trainingsprogramm, das die Dehnfähigkeit, die Schnelligkeit und die Kraft fördert. Als besonders gut geeignet empfiehlt Dr. Mathias Dietrich hierfür Ballsportarten wie Badminton, Squash oder Tischtennis. Auch Kampfsportarten wie Karate oder Boxen würden alle wichtigen Muskeln stärken. Bei der Wahl der Sportart müsse man allerdings realistisch bleiben. Wenn bereits eine Schädigung von Gelenken oder Knochen vorliegt, müsse man auf stark belastende Sportarten verzichten.
Der Schulsport ist wichtig für den Aufbau einer guten Körperkonstitution. Das gelte ums so mehr, weil immer mehr Schüler unter Übergewicht leiden. Das sei besonders schädlich, weil der Halte-Apparat somit noch während der Wachstumsphase belastet wird. Als Folge sei das Risiko erhöht, dass es schon früh zu Gelenk- und Knochenschädigungen kommt.
