OLDENBURG - Trotz ihrer noch komplizierteren Konstruktion werden heute weltweit mehr Kniegelenke ausgetauscht als die ebenfalls häufig in der zweiten Lebenshälfte verschlissenen Hüftgelenke. Ob und wann eine entsprechende Operation notwendig ist, macht Prof. Dr. Djordje Lazovic im wesentlichen von zwei Faktoren abhängig. „Entscheidend ist der Leidensdruck des Patienten. Ich empfehle die Implantation, wenn die Schmerzen zu groß sind und die Funktionsfähigkeit des Gelenks stark eingeschränkt ist.“

Der Eingriff sei die letzte Option, wenn andere Behandlungen etwa mit Krankengymnastik, physikalischer Therapie und Kortisoneinspritzungen ohne Erfolg geblieben seien. Ursache für die Schmerzen sei ein Verschleiß der Unter- und Oberschenkeloberflächen. So reibe der Oberschenkel wie ein Rad auf der glatten Seite des Schienbeins.

Die Folgen des Oberflächenverschleißes vergleicht Dr. Lazovic mit einem Reifen ohne Profil: „Im Extremfall fährt man dann auf den Felgen.“ Betroffene Patienten könne man häufig auch an Knackgeräuschen beim Bewegen des Kniegelenks oder an Fehlstellungen wie X- oder O-Beine erkennen.

Der Klinikdirektor der Klinik für Orthopädie im Oldenburger Pius-Hospital führt pro Jahr etwa 250 Kniegelenkersatzoperationen durch. Dank neuester OP-Techniken und Materialien könnten die Patienten ihr Knie nach dem Eingriff und der Reha wieder voll belasten. Ganz ohne Einschränkungen gehe es aber nicht: „Auch die High-Tech-Wissenschaft ist längst nicht so gut wie die Natur. Profi-Tennis ist mit einem künstlichen Kniegelenk sicher nicht mehr möglich.“ Auch Fußball oder Squash sei wegen der extrem hohen Belastung des Kniegelenks kein idealer Sport. Fahrradfahren, Joggen oder Schwimmen sei für Kniegelenk-Implantierte dagegen kein Problem.

Vor der Entscheidung für den Eingriff steht für Dr. Lazovic ein Patientengespräch mit einem gemeinsamen Blick auf die Röntgenbilder. Dabei demonstriert er anhand eines Modells, wie das Ersatzteil genau aussieht. Bei der OP werde das Knie mittig und von vorn mit einem zwölf bis 14 Zentimeter langen Schnitt geöffnet. Nachdem ein Teil der Muskulatur abgelöst und die Kniescheibe beiseite geschoben worden sei, habe der Operateur einen Blick auf die Oberfläche des Gelenks. Dort lege man Schablonen auf, damit das passende Ersatzteil bestimmt werden könne.

Anschließend würden an der Oberschenkelrolle und dem Unterschenkelende die Gelenkoberflächen so zurechtgesägt, dass ein Probemodell eingesetzt werden könne. Wenn das Modell passe und funktionsfähig sei, werde das „richtige“ Implantat in die Knochenoberflächen eingeklebt. Nach gut 90 Minuten sei der Eingriff in der Regel vorbei. Um das vordere Kreuzband und den Meniskus müssten sich die Patienten nach der OP keine Sorgen mehr machen: Sie würden entfernt. Ihre Funktion werde von dem künstlichen Kniegelenk übernommen.

Mit dem Laufen werde mit Unterstützung eines Therapeuten schon einen Tag nach der OP begonnen. An die rund zwei Wochen in der Klinik schlössen sich drei bis vier Wochen in der Reha an. Nach sechs Wochen könne der Patient die Gehhilfen zur Seite legen. Richtig fit sei er aber erst nach einigen Monaten wieder. Dr. Lazovic: „Das Knie funktioniert nicht allein mit dem Gelenk. Auch die Bänder, Sehnen und Muskeln tragen zur Funktionsfähigkeit bei und müssen durch Training aufgebaut werden.“