OLDENBURG - Ein ebenso komplexer wie komplizierter Halte- und Bewegungsapparat mit Muskeln, Sehnen, Bändern, Gelenken und spezialisiertem Gewebe sorgt letztlich dafür, dass der Mensch sein Skelett- und Organsystem – vom aufrechten Gang bis hin zum Ein- und Ausatmen – für seine täglichen Verrichtungen nutzen kann. Wenn es im Rücken zieht oder zwickt, ist das oft eine Reaktion des Körpers auf unzureichende Beweglichkeit, Bewegungsverlust im Rücken oder falsches Training mit einer in Dysbalance geratenen Muskulatur. Nicht nur bei Übergewicht sind zu schwach trainierte Muskelgruppen oft nicht in der Lage, das Körpergewicht zu halten, wodurch es zu unkontrollierten Bewegungen kommt, was heftigen (Dauer)-Schmerz auslösen kann. Ähnlich problematisch sind einseitig trainierte Muskelgruppen und eine dauerhafte Fehlhaltung, betont Dr. Bernd Möhring, Chefarzt der Orthopädie im Reha-Zentrum Oldenburg: „Wer zum Beispiel über Stunden mit krummen Rücken vor dem Schreibtisch sitzt, provoziert durch diese unnatürliche Haltung eine Fehlbelastung und somit eine Schmerzentstehung.“
Individuelles Programm
Eine orthopädische Reha-Maßnahme bietet die Möglichkeit, oft seit vielen Jahren schmerzgeplagte Patienten nach und nach von ihren Beschwerden zu befreien. Je nach Befund des zuweisenden Arztes und weitergehender ärztlicher Untersuchungen bei der Aufnahme wird den Patienten ein individuelles Reha-Programm mit Übungen verordnet, das die Rückenmuskulatur stärkt und in Balance bringt. Eine zusätzliche Möglichkeit bietet neben der Medizinischen Trainingstherapie, Krankengymnastik, Massagen und Entspannungsübungen die sogenannte Sling Exercise Therapy. „Wesentlicher Vorteil ist dabei, dass bei den Übungen jeweils sehr viele verschiedene Muskelgruppen beteiligt werden, die man ansonsten mitunter kaum erreicht“, erklärt Dr. Möhring.
Die neu entwickelte, in Deutschland bislang kaum verbreitete Sling Exercise Therapy sollte nicht mit einer herkömmlichen Behandlung am Schlingentisch mit Behandlungsliege verwechselt werden. Der Patient nutzt statt dessen mit Händen und/oder Füßen stabile, gut gesicherte Schlingen, die von der Decke hängen. Bei den Übungen kann er – teilweise in der Luft schwebend – den gesamten Körper bewegen und stabilisieren. Wie bei einer Marionette kann man die „Schwerelosigkeit“ nutzen, um gezielt Druck oder Zug auf den Bewegungsapparat auszuüben, wodurch die umgebenden Muskelgruppen gedehnt und gekräftigt werden können.
Anders als bei einer vom Therapeuten geführten Behandlung am Schlingentisch muss sich der Patient bei der Sling Exercise Therapy aktiv beteiligen, so Dr. Möhring: „Unter Anleitung des Therapeuten kann man den Übungserfolg mit dem gezielten Einsatz von Muskelkraft und Koordinationsvermögen selbst gestalten und optimieren.“
Mitunter sehr anstrengend
Die Übungen seien zwar vor allem für wenig trainierte Patienten zunächst mitunter anstrengend, sind dafür aber nicht nur für Rücken-Patienten sehr effektiv. Profitieren können zum Beispiel auch Reha-Patienten nach einer Schulter- oder Hüftoperation. Allerdings muss die allgemeine Körperkonstitution den Einsatz der durchaus fordernden Therapie zulassen. Das Reha-Zentrum Oldenburg bietet die Sling Exercise Therapy seit zwei Jahren in einem eigens eingerichteten Raum unter anderem als jeweils 45-minütige Gruppentherapie mit bis zu zwölf Teilnehmern an.
Die Sling Exercise Therapy spricht nicht nur die sogenannte Willkürmuskulatur an, die man bewusst mit Übungen ansteuern und aktivieren kann. Vielmehr wird zusätzlich auch die unwillkürliche Muskulatur trainiert, die automatisch und ohne bewusstes Zutun funktioniert. „Bei der Stabilisierung des frei schwebenden Körpers werden auch viele kleinere, gelenknahe Muskelgruppen aktiviert, die man sonst kaum erreichen würde“, so der Orthopäde Dr. Bernd Möhring. Im Rücken können damit auch Defizite in der Tiefenmuskulatur ausgeglichen werden. Alles in allem führe das zu einer verbesserten Balance und Leistungsfähigkeit des gesamten Halte- und Bewegungsapparats, wodurch eine wesentliche Ursachen für dauerhafte Rückenschmerzen beseitigt wird.
Ein falsch dosiertes
Training macht sich häufig sehr schmerzhaft als Dysbalance zwischen verschiedenen Muskelgruppen bemerkbar. Wer etwa im Fitnessstudio sehr viel für die Stärkung der Arm- und Schultermuskulatur getan hat, vernachlässigt dabei oft die Bauchmuskulatur.Rückenschmerzen können eine unangenehme Folge des so aufgebauten Ungleichgewichts sein, betont der Orthopäde Dr. Bernd Möhring. Ein übertrainierter Muskel kann neben einem nach einigen Tagen ausgestandenen Muskelkater auch dauerhaft Beschwerden auslösen. Wenn der als Trainingseffekt ausgelöste Muskelkrampf zu groß ist, werden kleinere Gefäße des Muskels zusammengedrückt und nicht mehr ausreichend durchblutet. Der dann in Unordnung geratene Stoffwechsel löst wiederum Entzündungsreize aus, die Schmerzen auslösen können.
Die Sling Exercise Therapy kann diesem negativen Trainingseffekt entgegenwirken, da der Betroffene durch die Aktivität seine Beweglichkeit insgesamt verbessert.
