OLDENBURG - Ein Schlafanfall, Herzinfarkt, Krebs oder die Verletzungsfolgen eines Unfalls reißen die Betroffenen urplötzlich aus einem geregelten Alltagsleben heraus. Sie werden dann meistens völlig unvorbereitet mit einer ganz neuen Lebenssituation konfrontiert, in der zuvor selbstverständliche kognitive und psychische Fähigkeiten nicht mehr abgerufen werden können. Neben der Erkrankung selbst empfinden Betroffene insbesondere Begleiterscheinungen wie psychische und kognitive Störungen als extrem belastend.
Die Neuropsychologie bietet gut wirksame Therapieansätze, um Funktionsstörungen wie Gedächtnisdefizite, Konzentrationsprobleme oder Wahrnehmungsstörungen nach und nach wieder abbauen zu können. Zudem hilft die Therapie dabei, besser mit psychischen Problemen wie Depressionen zu Recht kommen zu können, die sich häufig als Folge des Schicksalsschlags einstellen.
Ansprüche ändern sich
Mit einem kritischen Ereignis verändern sich die Ansprüche an das Leben meistens radikal, berichtet die Psychotherapeutin und Neuropsychologin Claudia Mödden, Leiterin der Abteilung für Neuropsychologie im Rehabilitationszentrum Oldenburg: „Wenn man gesund ist, will man alles vom Leben haben. Wenn man krank ist, will man nur Eines – die Gesundheit.“ Die Abteilung für Neuropsychologie ist im Reha-Zentrum Oldenburg mit individuellen Therapien zur Wiedererlangung kognitiver Fähigkeiten und zur Überwindung psychischer Störungen in das interdisziplinäre Behandlungskonzept eingebunden.
Besonders wichtig ist die Therapie, wenn etwa als Folgesymptom eines Schlaganfalls das Denken, Fühlen oder Handeln gestört ist oder erhebliche Funktionsdefizite beim Gedächtnis, der Orientierung und Wahrnehmung oder im Bereich des logischen Denkens vorliegen. Bei der Behandlung funktioneller Einschränkungen werden einzeln oder in der Gruppe zum Beispiel die Aufmerksamkeit oder die Wahrnehmungsleistung therapiert. Weitere wichtige Bestandteile der Neuropsychologie sind Hilfen zur Krankheitsbewältigung, um die Wiedereingliederung in das gewohnte familiäre und berufliche Umfeld zu ermöglichen.
Claudia Mödden und ihr Team orientieren sich vor allem an verhaltenstherapeutischen Ansätzen sowie am Prinzip der Salutogenese, das auf die Mobilisierung der eigenen Ressourcen setzt. In der Therapie müssen die verborgenen Stärken oft erst im Gespräch wiederentdeckt und lösungsorientiert genutzt werden. Claudia Mödden hat dafür eine ganz einfache – und wirksame – Methode: „Wenn die Patienten mit der Aufzeichnung einer überwiegend defizitorientierten Wahrnehmung zur Therapie kommen, nehmen sie im ressourcenorientierten Gespräch wahr, dass sie zu viel mehr in der Lage sind, als sie angenommen haben.“
Positive Effekte
Ergebnis ist, dass die Patienten wieder an sich und ihre Potenziale glauben. Die so gewonnene innere Stärke ist nicht nur eine Motivation für die Reha-Maßnahme. Ein positiver Effekt ist auch, dass die Betroffenen die oft kleinen und mühsamen Therapiefortschritte als Erfolg registrieren. „Die Patienten tun sich häufig schwer damit, plötzlich entstandene Einschränkungen zu akzeptieren und, dass die Umsetzung des gewohnten Lebensmanagements nicht mehr möglich ist“, berichtet Claudia Mödden. Sie müssen dann sukzessive realisieren, dass die Lebensausrichtung von Entschleunigung und einer mitunter gesünderen Balance geleitet wird: „Der Weg zur Wiedererlangung der Gesundheit führt nicht selten zu mehr Selbstachtsamkeit.“
Zu Beginn einer neurologischen, kardiologischen oder orthopädischen Reha-Maßnahme wird mittels einer sorgfältigen Anamnese und Diagnostik ermittelt, welche kognitiven Funktionsstörungen vorliegen und ob es psychische Probleme gibt. Die so ermittelten Therapie- und Hilfsangebote sollten sich stets am Lebens- und Berufsalltag der Patienten orientieren, so Claudia Mödden: „Für eine Rechtsanwältin hat die schnelle Wiedererlangung der Sprachfähigkeit sicher höhere Priorität als für einen Maurer, der überwiegend mit seinen Händen arbeitet.“
Die im Reha-Zentrum
Oldenburg bei allen Krankheitsbildern praktizierte Zusammenarbeit verschiedener Therapie-Bereiche ermöglicht positive Wechselwirkungen. Die Arbeit der Neuropsychologie macht viele Patienten erst zugänglich für andere Reha-Maßnahmen. Ohne eine begleitende neuropsychologische Therapie würden sich die Erfolgsaussichten der Rehabilitation in vielen Fällen ebenso verschlechtern wie etwa ein Verzicht auf Physio- oder Ergotherapie.Nach langem Ringen mit dem Gesetzgeber und verschiedenen berufsständischen Organisationen ist die Neuropsychologie seit 2011 in den ambulanten Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen worden und als eigenständiger Heilberuf anerkannt. Entsprechend ausgebildete Therapeuten sind nun berechtigt, ähnlich wie Physio- oder Ergotherapeuten, eigenständige Praxen zu eröffnen, so Claudia Mödden: „Profitieren werden davon bis zu 60 000 Patienten, die an kognitiven und psychischen Folgeschäden leiden.“
