OLDENBURG - Neben dem vor allem für die Psyche der Betroffenen wichtigen optischen Effekt ist vor allem die Wiederherstellung der Körperform- und Funktionen das Ziel der plastischen Chirurgie. Nach einer Krebsoperation oder einem schweren Unfall sind größere Gewebeteile oder Hautpartien oftmals unrettbar verloren, sodass zum Beispiel ein regelrechtes Loch im Körper entstehen kann. Nach Quetschungen, Trümmerbrüchen oder Verbrennungen reicht die verbliebene Haut oft nicht mehr aus, den verletzten Knochen zu ummanteln. Genau das ist aber eine Grundvoraussetzung dafür, den verletzten Finger oder Fuß erhalten zu können.
„Wir müssen uns dann Ersatz von einer anderen Körperstelle besorgen, wo die jeweils benötigte Haut-, Gewebe- oder Muskelpartie nicht so dringend gebraucht wird“, betont die Chefärztin Plastische und Handchirurgie im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg, Dr. Irina Herren. Das körpereigene Material für kleinere Eingriffe könne aus der Umgebung relativ problemlos verschoben oder durch eine Hautverpflanzung bedeckt werden. Für aufwendigere Rekonstruktionen – wenn zum Beispiel eine im Zuge einer Tumoroperation entfernte Brust ersetzt werden soll – sei vor allem der große Rückenmuskel wichtig. Dieser vergleichsweise leicht zu entfernende Muskel ist fast wie ein „Universalersatzteil“ einsetzbar. Da er im Rückenbereich nicht zwingend benötigt wird, kann er an anderer Stelle wertvolle Dienste leisten.
Nach einem Unfall ist die plastische Chirurgie gleich nach der Akutversorgung gefragt. Wenn etwa ein Knochen nach der Erstversorgung freiliegt, muss er durch Hautverschiebungen- oder Verpflanzungen bedeckt werden. Ansonsten müsste man mit einem Totalschaden rechnen:, was konkret bedeutet, dass sich Extremitäten infizieren und der Verlust von Gliedern droht. Die bei schwereren Verletzungen oft notwendigen Verpflanzungen erfolgen häufig im Rahmen eines mikrochirurgischen Eingriffs mit modernstem technischen Gerät, berichtet Irina Herren: „Die plastische Chirurgie ist Filigranarbeit, bei der neben der Haut auch feinste Nerven- und Muskelstränge miteinander verbunden werden müssen.“
Die dann gerade 1,5 bis zwei Millimeter schmalen Gefäßnähte seien mit dem bloßen Auge nur schwer zu erkennen, weshalb der Operateur mit Hilfe einer Hochleistungslupe arbeitet, damit genau das zusammengefügt wird, was zusammengehört. Insbesondere nach Quetschungen sei aber nicht immer ein 100-prozentiger Erhalt der Extremitäten möglich.
Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet der plastischen Chirurgie ist die Brust-Rekonstruktion zum Beispiel nach einer Tumor-Operation. „Für Frauen ist das sehr wichtig, weil sie mit der neuen Brust auch ihre Weiblichkeit für sich wiedergewinnen.“ Nach überstandener Krebs-OP hätten Frauen auch nach Jahren den Wunsch „wieder so auszusehen wie vorher“.
Nach einer erfolgreichen Krebs-Therapie inklusive abgeschlossener Wundheilung und mindestens einem Jahr ohne neuen Tumor könne den Frauen in der Regel geholfen werden. Bei einer komplett entfernten, großen Brust eigne sich vor allem der große Rückenmuskel als Implantat. Für den Ersatz kleinerer Brüste oder bei einer Teilentnahme reiche es oft auch aus, Haut- und Fettgewebe zu verschieben, um die ursprüngliche Brustform wiederherzustellen. Zusätzliches Volumen könne man zudem durch Silikon-gefüllte Implantate gewinnen.
Für Menschen mit schweren Verbrennungen ist die Ausgangslage besonders belastend. „Einmal verbrannte Haut kann sich nicht mehr regenerieren.“ Das Gleiche gelte für Haare und Augenbrauen. Narbenbildung und Hautschrumpfung führe oft zu Bewegungseinschränkungen im Gesicht.
Eine Hautverpflanzung sei immer dann nötig, wenn neben der Oberhaut auch Teile der Unterhaut verbrannt sind. Die Versorgung von Akut-Brandverletzten sollte stets in Spezialkliniken erfolgen.
Wunder könne aber auch die beste Transplantationstechnik nicht bewirken. So könne die bei Brandopfern neu eingepflanzte Haut nie die Geschmeidigkeit der Normalhaut erreichen, erklärt Herren: „Diese Patienten sind auch über kleine Verbesserungen dankbar. Wenn sich schwer gezeichnete Brandopfer mit unserer Hilfe nicht mehr stigmatisiert fühlen, haben wir schon viel erreicht.“
