OLDENBURG - Das Schütteltrauma wird durch massives und gewaltsames Hin- und Herschütteln eines Säuglings, der dabei an den Oberarmen oder dem Brustkorb gehalten wird, ausgelöst. Das Schütteln führt zu einem unkontrollierten Hin- und Herschleudern des Kopfes, was Säuglinge im Vergleich zu älteren Kindern besonders gefährdet. Denn in den ersten Lebensmonaten haben die Kinder einen im Verhältnis zum Körper sehr viel größeren und schwereren Kopf als ältere Kinder und Erwachsene. Zudem haben sie noch keine ausreichende Kontrolle, ihren Kopf stabil halten zu können.
„Kleine Kinder sind nicht in der Lage, ein heftiges Schütteln auszugleichen. Sie sind den Bewegungen hilflos ausgeliefert. Im Schlimmsten Fall kann das Schütteltrauma zum Tod des Säuglings führen“, betont Prof. Dr. Christoph Korenke, Chefarzt der Klinik für Neuropädiatrie in der Kinderklinik Oldenburg. Gefährdet sind vor allem Säuglinge in den ersten Lebensmonaten. Kleinkinder nach dem ersten Lebensjahr werden seltener geschüttelt. Auch sind bei ihnen die Auswirkungen in der Regel weniger schwerwiegend.
Große Schwerkräfte
Durch heftiges Schütteln entwickeln sich große Schwerkräfte zwischen dem Gehirn und dem Schädelknochen. Als Folge können zum Beispiel Blutgefäße zwischen der Hirnoberfläche und der harten Hirnhaut am Schädelknochen einreißen. Hierdurch kommt es zu Blutungen, die akuten Druck auf das Gehirn verursachen. Im weiteren Verlauf können sich chronische Ergüsse entwickeln.
Außerdem kann das Schütteltrauma zu Durchblutungsstörungen im Gehirn führen, die meistens mit akuter Lebensgefahr verbunden sind, so Prof. Dr. Korenke: „Durch das Herumschleudern des Kopfes kann es zu Schäden im Übergangsbereich zwischen Gehirn und Rückenmark kommen. Die Folge kann ein unmittelbarer Ausfall lebenswichtiger Regulationszentren für die Atmung und den Kreislauf im Hirnstamm sein.
Die Symptome eines Schütteltraumas können in weniger schweren Fällen übersehen oder einer anderen Ursache zugeschrieben werden. „Die Kinder können unruhiger sein, und sie spucken verstärkt, was als Zeichen eines Magen-Darm-Infekts gewertet werden kann“, betont Prof. Dr. Korenke. Bei der Behandlung sollte man daran denken, dass diese Symptome auch die Folge eines erhöhten Hirndrucks nach einem Schütteltrauma sein können. Bei einem ausgeprägten Schütteltrauma leiden die kleinen Patienten unter verstärkter Schläfrigkeit und Apathie. Zudem treten Atem- und Bewusstseinsstörungen sowie Krampfanfälle auf.
Um Schlimmeres zu verhindern, sollte der behandelnde Kinderarzt im Verdachtsfall gezielt nach typischen Verletzungsspuren wie etwa Blutergüssen an den Armen oder dem Brustkorb suchen. „Dazu gehört auch die Frage nach einer möglichen Vorgeschichte“, so Prof. Dr. Korenke. Kinder mit einem Schütteltrauma würden gehäuft aus „Problemfamilien“ kommen, die mit einem kleinen Kind überfordert sind.
Gespräch mit den Eltern
„Im Verdachtsfall ist daher als Erstes ein Gespräch mit den Eltern nötig. Wenn die Schilderung eines Unfallhergangs nicht zu den Symptomen passt, sollte man hellhörig werden“, so der Kinderarzt. Oberflächliche Verletzungen könne man bei einer sorgfältigen klinischen Untersuchung erkennen. Ob es zu Blutungen oder Ergüssen im Gehirnbereich gekommen ist, lässt sich meistens durch eine Ultraschalluntersuchung abklären, die in der Regel durch eine Kernspintomographie ergänzt wird. Außerdem muss ein Augenarzt hinzugezogen werden, damit bei einer Untersuchung des Augenhintergrunds mögliche Blutungen im Bereich der Netzhaut festgestellt werden können. Bei einem schweren Schütteltrauma erfolgt die Behandlung auf einer pädiatrischen Intensivstation in Zusammenarbeit mit einem pädiatrischen Neurochirurgen. Wichtig ist dabei vor allem eine schnelle Druckentlastung des Gehirns.
Oft sei der Zustand der kleinen Patienten so kritisch, dass sie Probleme mit der Atmung und dem Herz-Kreislaufsystem haben und künstlich beatmet werden müssen. Auch wenn der Säugling das Schütteltrauma dank rechtzeitiger Akut-Behandlung überlebt, sei seine Entwicklungsperspektive ungewiss. Das gelte um so mehr, wenn ein schweres Schütteltrauma zunächst unerkannt bleibe.
zunächst unerkanntem Schütteltrauma müssen betroffene Kinder mit dauerhaften Folgeschäden rechnen. „Kinder mit einem schweren Schütteltrauma sind häufig verhaltensauffällig und bleiben in der Entwicklung gegenüber Altersgenossen zurück“, so Prof. Dr. Christoph Korenke. Die Kinder zeigen dann im Kindergarten und der Schule oftmals Konzentrations- und Lernschwächen. Durch mögliche Spätfolgen können die Lebensqualität und die Entwicklungschancen der Kinder dauerhaft verschlechtert werden. Besonders wichtig ist daher eine intensive kinderärztliche, psychologische und psychotherapeutische Begleitung betroffener Kinder nach einem Klinikaufenthalt.
Bei Kindern mit einem Schütteltrauma sollte stets auch das Jugendamt eingeschaltet werden. Deren Mitarbeiter stellen fest, ob das verletzte Kind nach überstandener Akut-Behandlung in seine Familie zurückkehrt oder zum Beispiel in eine Pflegefamilie kommen sollte. Das sei wichtig, damit sich eine Misshandlung nicht wiederholt.
