OLDENBURG - Mit rund 220 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern und Jahr ist die Zahl der Sepsis-Fälle fast so hoch wie bei einem Herzinfarkt. Die Todesrate ist aber deutlich höher – nicht zuletzt, weil die Infektionserkrankung mitunter erst spät oder gar nicht erkannt wird. Das Problem bei der Diagnostik ist, dass erste Sepsis-Symptome wie Fieber sowie eine beschleunigte Atmung und Plusfrequenz zunächst einem harmlosen Infekt ähneln. „Auch deshalb ist diese Erkrankung so tückisch und gefährlich“, betont Prof. Dr. Andreas Weyland, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie im Klinikum Oldenburg: „Die Sepsis ist eine der am meisten unterschätzten Erkrankungen.“ Ohne sofortige intensivmedizinische Gegenmaßnahmen könne die Blutvergiftung innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen akut lebensbedrohend werden. Bundesweit fallen der Erkrankung pro Jahr etwa 60 000 Menschen zum Opfer.
Schnelle Verbreitung
Das Hauptproblem einer Sepsis ist in einfachen Worten ausgedrückt eine fatale Kettenreaktion des körpereigenen Immunsystems auf Eindringlinge wie Bakterien, Pilze oder Viren, die etwa infolge einer Wunde, Entzündung oder Infektion in den Organismus gelangt sind. Im Normalfall gelingt es dem Immunsystem, die Erreger in Schach zu halten und sie an Ort und Stelle zu bekämpfen. Wenn die Abwehr aber wegen besonders aggressiver Erreger oder infolge einer geschwächten Körperkonstitution versagt, kann sich die Infektion über den Blutkreislauf und das Lymphsystem schnell im gesamten Körper ausbreiten. Wie in einer Notwehrreaktion bilden die Immunzellen dann massenhaft Botenstoffe, die überall im Organismus den Befehl zum Abwehrkampf geben. Das führt wiederum dazu, dass die Immunreaktion plötzlich außer Kontrolle gerät und sich nicht nur gegen die Erreger richtet, sondern auch gegen unbeteiligte, gesunde Regionen, erklärt Prof. Weyland: „Bei einer dann vorliegenden Sepsis kämpft der Körper gegen sich selbst.“
Als Folge werden unter anderem überall im Körper die Blutgefäße geschädigt und die Adern weiten sich. Zudem tritt Flüssigkeit aus den Gefäßen aus und die Blutgerinnung spielt verrückt. Das Herz schafft es nicht mehr, den Flüssigkeitsverlust durch eine erhöhte Pumpleistung auszugleichen, so dass der Blutdruck abstürzt und das gesamte Herz-Kreislaufsystem außer Kontrolle gerät. Die Organe werden zunehmend von der lebenswichtigen Versorgung mit Sauerstoff abgeschnitten, was dann zum Funktionsausfall von Nieren, Leber oder der Lunge führen kann, berichtet Prof. Weyland: „Um die akute Lebensgefahr abzuwenden, müssen betroffene Patienten häufig erst einmal künstlich beatmet und ernährt sowie mit einer Dialyse versorgt werden.“
Alte Menschen gefährdet
Besonders gefährdet sind Patienten mit einem geschwächten Immunsystem. das betrifft beispielsweise Menschen nach einer schweren Operation, Organtransplantation oder Chemotherapie sowie Patienten mit einer Nebenerkrankung wie etwa Diabetes. In rund 40 Prozent der Fälle beginnt eine Sepsis mit einer Lungenentzündung. Zur Risikogruppe zählen zudem alte Menschen mit einer geschwächten Körperkonstitution. Im Krankenhaus sind insbesondere Patienten gefährdet, die ohnehin in einem kritischen Zustand sind und schon auf der Intensivstation behandelt werden müssen, so Prof. Weyland: „Wenn bei diesen Patienten auch noch eine Sepsis dazu kommt, herrscht wirklich Alarmstufe Rot.“ Neben lebenserhaltenden Maßnahmen wie der Stabilisierung des Kreislaufes und wenn nötig auch einer künstlichen Beatmung oder Blutwäsche kommt es im Akut-Fall darauf an, der Ursache der Infektion so schnell wie möglich auf die pur zu kommen.
Weil man anfangs oft nicht genau weiß, was die Ursache der Sepsis ist, setzen die Ärzte zunächst auf eine breit wirkende Antibiotikatherapie. Eine gezieltere Auswahl ist nach weiteren Untersuchungen möglich, bei denen die Erreger etwa im Blut oder in Körpersekreten nachgewiesen worden sind. Wichtig ist oft auch eine operative Entfernung der Infektionsquelle, so Prof. Weyland: „Je früher die Behandlung einsetzt, desto größer sind die Heilungschancen.“
Standbeine
einer erfolgreichen Sepsis-Therapie sind eine möglichst schnelle Diagnose und die umgehende Einleitung medizinischer Gegenmaßnahmen. Die bundesweite Medusa-Studie (Medical Education for Sepsis Source Control and Antibiotics) hat das Ziel, die Erkrankung durch Training und Weiterbildungsmaßnahmen auf den Intensivstationen besser und sicherer zu erkennen, um sofort entsprechend handeln zu können. Ergebnis soll neben einem Erfahrungsbericht über die Wirksamkeit verschiedener Interventionsverfahren ein international einsetzbares Konzept für die Umsetzung von Leitlinien in der Sepsistherapie sein.Das Klinikum Oldenburg ist eines der bundesweit 46 Zentren und Kliniken, die sich an Medusa beteiligen, berichtet Klinikdirektor Prof. Dr. Andreas Weyland. Die nächsten beteiligten Klinik-Standorte sind Hamburg und Bielefeld. Medusa wurde im November 2010 gestartet und soll Ende 2014 abgeschlossen sein. Die Federführung hat das Center for Sepsis and Care (CSCC) an der Uni-Klinik Jena.
