OLDENBURG - Bei anderen mit jahrelangen Schmerzen verbundenen Erkrankungen wie Rheuma oder chronischen entzündlichen Gelenkerkrankungen verschwinden die Schmerzen, wenn die Entzündung beseitigt ist. „Bei einer neuropathischen Schmerzerkrankung sind dafür andere Zusammenhänge verantwortlich“, erklärt Dr. Wolfgang Simgen, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Schmerz- und Intensivmedizin im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg: „Bei dieser Erkrankung ist das schmerzleitende System des Körpers gestört oder geschädigt. Letztlich kann man diese Schmerzart auch als Nerveneigenschmerz bezeichnen.“
Dumpf und drückend
Bei Neuropathieschmerzen können einzelne oder mehrere Nerven oder auch ganze Körperregionen betroffen sein. Im schlimmsten Fall schmerzt der ganze Körper, so Dr. Simgen. Vieles weise darauf hin, dass sich die Erkrankung auch im zentralen Nervensystem wie Rückenmark und Gehirn abspiele.
Typische Merkmale für neuropathische Schmerzen sind Schmerzbeschreibungen wie brennend, dumpf, drückend, einschnürend oder quetschend ohne sichtbare oder nachweisbare Gewebeveränderungen. Manchmal handelt es sich auch um blitzend einschießende Schmerzen, die sich nur an einer Stelle bemerkbar machen, oder „kreuz und quer“ durch den Körper schießen können. „Die Schmerzen orientieren sich nicht an dem Verlauf der Nervenbahnen“, so Dr. Simgen. Falls das vegetative Nervensystem betroffen sei, könne es zu Veränderungen der Haut und Nägel sowie zu Herzrhythmusstörungen kommen.
Betroffene haben oft eine Odyssee durch etliche Arztpraxen hinter sich, bevor der Grund für ihre unerklärlichen Schmerzen gefunden wird. „Patienten mit starken neuropathischen Schmerzen sehe ich im Mittel erst nach sechseinhalb Jahren erfolgloser Vorbehandlung.“ Entsprechend schlecht sei denn auch der psychische Zustand vieler Betroffener, so der Schmerztherapeut: „Die Patienten sind oft verzweifelt und wissen einfach nicht mehr weiter.“
Ganzheitlich aufarbeiten
Der behandelnde Arzt müsse als erstes das Vertrauen dieser in der Regel zutiefst verunsicherten Patienten gewinnen. „Man muss dem Betroffenen vermitteln, dass man ihm seinen Schmerz glaubt“, betont Dr. Simgen, der in seiner Praxis im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg regelmäßig Patienten mit neuropathischen Schmerzen behandelt. Die folgenden Behandlungsschritte müssten sich vor allem mit einer ganzheitlichen Aufarbeitung der Krankheitsgeschichte beschäftigen. Das beginne mit der Frage, wann die Beschwerden erstmals aufgetreten sind und ende mit einer genauen Beschreibung der aktuellen Schmerzen sowie den Ergebnissen bestimmter Laboruntersuchungen.
Gestützt auf diese Erkenntnisse, könne man Schritt für Schritt herausfinden, welche Medikamente sich am besten für den Kampf gegen den Dauerschmerz eignen, so Dr. Simgen. „Man muss für jeden einzelnen Patienten einen eigenen Weg finden.“ Bei rund 60 bis 70 Prozent der Patienten lasse sich die Lebensqualität durch eine umfassende Pharma-Kotherapie klar verbessern. Auf opiathaltige Wirkstoffe könne oft nicht verzichtet werden. Für einen Teil der Patienten, denen man damit nicht helfen könne, gebe es Hoffnung durch einen in den USA entwickelten Wirkstoff, der seit kurzem auch in Deutschland zugelassen sei. Der ursprünglich aus einem Schneckensekret gewonnene Wirkstoff biete aber keine Erfolgsgarantie. Ob das Präparat helfe, müsse in jedem Einzelfall erprobt werden.
Zudem sei der Wirkstoff vergleichsweise schwer zu applizieren. „Die Substanz kann ausschließlich mittels einer in die Bauchdecke implantierten Pumpe verabreicht werden“, erklärt Dr. Simgen. Von der Pumpe aus wird unter der Haut ein kleiner Schlauch bis zur Lendenwirbelsäule geführt, wo er das Nervenwasser erreicht. Der „Schneckenwirkstoff“, der mittlerweile synthetisch hergestellt wird, könne dann direkt auf das Botensystem einwirken und somit verhindern, dass der Befehl „Schmerz“ ausgelöst werde.
Dr. Wolfgang Simgen hat bislang neun Patienten mit einer entsprechenden Pumpe versorgt. Einem Teil dieser Patienten gehe es deutlich besser. „Bei anderen hat sich dagegen keine positive Wirkung ergeben“, so Dr. Simgen. Für die Zukunft erwartet er aber eine verbesserte Erfolgsquote.
als bei erfolgreichen Bandscheiben- oder Krebsoperationen lassen sich die Ursachen für neuropathische Schmerzen bislang noch nicht beseitigen. Die Behandlungsmöglichkeiten beschränken sich denn auch auf die Schmerztherapie, betont Dr. Wolfgang Simgen. Da eine Heilung nicht möglich sei, müsse das Ziel der Schmerztherapie stets eine Linderung der Beschwerden sein.
von Patienten mit neuropathischen Schmerzen ist der neue Wirkstoff Ziconotid die letzte Option, wenn alle anderen Versuche erfolglos geblieben sind. So sei dieser Wirkstoff ein in der Natur hochgefährliches Schneckengift und könne zu erheblichen Nebenwirkungen führen, die beim Menschen nach dem Absetzen aber vollständig wieder abklingen. Erst nach etlichen Wochen sei feststellbar, ob das Präparat dem jeweiligen Patienten helfe, so Dr. Simgen: „Da man die Dosis nur langsam und vorsichtig steigern kann, muss man viel Geduld aufbringen.“
