OLDENBURG - Eine Traumatisierung kann in jeder Altersstufe durch schwer belastende Erlebnisse ausgelöst werden, mit denen man nicht zurechtkommt. Die Gründe und Ausprägungen haben sehr unterschiedliche Facetten. Ein entscheidender Punkt ist aber für alle Betroffenen gleich: Eine Traumatisierung geht immer einher mit Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Ohnmacht und Verzweiflung – allesamt an der Psyche nagende Faktoren, die man meistens nicht ohne Hilfe von außen überwinden kann.
Für Kinder und Jugendliche gilt das ganz besonders, weil der psychische und körperliche Entwicklungsprozess bei ihnen noch lange nicht abgeschlossen ist. Zum Beispiel können sehr junge Kinder schon deshalb nicht über schreckliche Erlebnisse sprechen, weil sie nicht über das erforderliche Sprachrepertoire verfügen. Auch später übersteigen bedrohliche Situationen oft die Bewältigungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Für Erwachsene harmlose Vorkommnisse werden dann als ausweglos empfunden. Die Folgen sind Angst und tiefe Verzweiflung, die schließlich in ein psychisches Trauma münden. Die Kinder und Jugendlichen können im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr verstehen.
Hohe Dunkelziffer
Nach jüngsten Untersuchungen sind in Deutschland rund 15 Prozent der Kinder direkt von Misshandlungen betroffen. Etwa jedes zehnte Kind ist regelmäßig Zeuge häuslicher Gewalt, wobei die Dunkelziffer noch viel höher ist. Dazu kommen viele andere seelische und körperliche Verletzungen, die sich zu einem Trauma auswachsen können, berichtet Dr. Agneta Paul, Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Oldenburger Elisabeth-Kinderkrankenhaus: „Das kann neben einer schweren Erkrankung nahe stehender Menschen zum Beispiel auch emotionelle Vernachlässigung durch die Eltern sein. Schlimme Folgen kann zudem Sozialverwahrlosung haben, wenn sich die Eltern nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern.“
Nicht zuletzt sind sexueller Missbrauch, heftiges Schütteln im Baby- und Kleinkindalter oder Mobbing in der Schule häufige Trauma-Auslöser. Das Leid der Kinder und Jugendlichen bleibt oft viele Jahre unerkannt. Das gilt selbst dann, wenn immer wieder typische Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden. Dazu zählen unter anderem übersteigerte Ängstlichkeit, dauernde Unruhe und Gereiztheit sowie unkontrollierbare Aggressionen.
Begleiterscheinungen eines in jungen Jahren erlittenen Traumas sind häufig geistige und körperliche Entwicklungsverzögerungen, die zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie zu Verzögerungen bei der Sprachentwicklung führen können. All das kann schlechte Leistungen in der Schule zur Folge haben. Ein im Kleinkindalter erlittenes Trauma kann sogar für ein vermindertes Gehirnwachstum und somit eine verringerte Intelligenz verantwortlich sein.
Akute Suizidgefahr
Nicht zuletzt neigen traumatisierte Kinder und Jugendliche vermehrt zu Schlaf- und Essstörungen. Mitunter gipfelt das Ganze in immer wieder kehrende Selbstverletzungen bis hin zur akuten Suizidgefahr, so Dr. Agneta Paul: „Das sind leider gar nicht so seltene Notfälle, bei denen es oft um Leben und Tod geht.“ Die Oldenburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sei auch für diese akut gefährdeten Patienten zuverlässig darauf ausgerichtet, rund um die Uhr an 365 Tagen des Jahres die erforderliche Hilfe zu leisten. Diese Hilfe wird sowohl ambulant und teilstationär wie auch stationär gesichert.
„Der erste Schritt zur Hilfe ist, genau hinzusehen und mögliche Warnhinweise ernst zu nehmen“, betont Dr. Agneta Paul. Zwar sind im Kindergarten oder in der Schule entdeckte blaue Flecken oder andere Gewaltspuren längst nicht immer ein Hinweis auf körperliche Misshandlungen im Elternhaus. „In vielen Familien ist es aber leider immer noch üblich, dass Kinder brutal geschlagen werden“, so Dr. Paul. In diesen Fällen komme es als erstes darauf an, das Kind sicher vor weiteren Misshandlungen zu schützen und anschließend zu entscheiden, was das Beste für das betroffene Kind ist.
Bei einem Verdacht
auf Kindeswohlgefährdung wird stets das Jugendamt eingeschaltet, das bei Bedarf auf die Unterstützung verschiedener Institutionen und medizinischer Einrichtungen zurückgreifen kann. Falls sich der Gewalt-Verdacht – auch nach intensiven Gesprächen mit den Erziehungsberechtigten und anderen Bezugspersonen – bestätigt, muss sofort gehandelt werden. „Dabei muss immer eine kindgerechte Lösung gefunden werden, die auch das soziale Umfeld berücksichtigt“, betont Dr. Agneta Paul. Entscheidend sei der Grundsatz null Toleranz für häusliche Gewalt: „Schlagende Eltern werden nicht als Beschützer, sondern als Angreifer empfunden. Das Kind erlebt die Familie dann als Ort der Gefahr.“Zu den Ursachen häuslicher Gewalt zählt neben fest sitzenden falschen Verhaltensmustern der Eltern oft auch eine ungenügende Vorbereitung, betont Dr. Agneta Paul: „Viele junge Eltern fühlen sich mit der Erziehung der Kinder überfordert.“ Zudem waren schlagende Väter oder Mütter in ihrer eigenen Kindheit oft selbst Opfer häuslicher Gewalt.
