Oldenburg - Für die Entwicklung einer Abhängigkeit von Alkohol, illegalen Drogen sowie anderen stofflichen bzw. nicht-stofflichen Suchtmitteln kann es sehr unterschiedliche Gründe geben. Fachgesellschaften gehen davon aus, dass eine Suchterkrankung in der Regel mit einer schon zuvor bestehenden psychischen Störung korrespondiert. Viele suchtkranke Menschen leben bereits seit der Kindheit mit einem schweren unverarbeiteten Trauma, das sie mitunter bis ins hohe Alter immer wieder aufs Neue einholt. In vielen Fällen sorgt die Sucht für weitere seelische Probleme, die noch obendrauf kommen.
Bei Kindern und Jugendlichen entstehen tiefgehende Verletzungen der Seele vor allem durch sexuellen Missbrauch sowie körperliche und psychische Gewalt in der Familie. Dazukommt nicht selten eine soziale Verwahrlosung, weil das Kind keine festen und zuverlässigen Bezugspersonen im heimischen Umfeld hat. Betroffene sind zum Teil schon im Kindergarten oder in der Schule auffällig – etwa durch eine starke Zurückgezogenheit oder unerklärliche Aggressionen. Häufig verbirgt sich dahinter tiefgehendes seelisches Leid über eine stark belastende Situation zu Hause.
Oft sind Angstgefühle, depressive Stimmungen, Probleme mit dem Selbstwertgefühl und Schlafstörungen das Resultat einer unglücklichen Kinder- und Jugendzeit. Diese und andere Probleme werden häufig zu einem lebenslangen Begleiter, der abgesehen vom Entstehen psychischer Erkrankungen auch die Entwicklung einer Suchterkrankung begünstigt, erklärt Dr. Ulrike Matthiensen, Direktorin der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie in der Karl-Jaspers-Klinik Oldenburg:
Berauschende Wirkung
„Das Suchtmittel wirkt dann wie eine Betäubung, die den seelischen Schmerz für einige Zeit wegnimmt.“ Dass die für die Abhängigkeit verantwortlichen Probleme unvermindert bestehen bleiben, wenn die berauschende Wirkung zu Ende geht, werde meistens verdrängt und als weniger wichtig empfunden. Suchtkranke Menschen glauben im Gegenteil, dass Alkohol oder Drogen – nicht selten beide Suchtmittel zusammen – das beste und einzige Mittel sind, um sich zumindest zeitweise vom seelischen Leid befreien zu können.
Wenn bereits eine Abhängigkeit besteht, erhöht sich auch wegen der sonst drohenden Entzugserscheinungen der Druck, das Suchtmittel immer häufiger und in immer höheren Dosierungen zu konsumieren. Das Suchtproblem kommt zusätzlich zu einer anderen behandlungsbedürftigen psychischen Störung hinzu, betont Dr. Ulrike Matthiensen: „Der Patient leidet dann unter unterschiedlichen Erkrankungen, die beide aufgeklärt und behandelt werden müssen.“
Nicht aus eigener Kraft
Entscheidende Voraussetzung für den Weg hinaus aus der Sucht sei stets die (Selbst)-Erkenntnis des Patienten, nicht mehr aus eigener Kraft von einem stoffgebundenen Suchtmittel oder anderen Abhängigkeiten wie etwa einer Spiel- oder Internetsucht loszukommen.
Darauf basierend könne mit jedem Betroffenen ein individueller Therapieplan entwickelt werden, der parallel die Suchtentwicklung wie auch psychische Ausgangsprobleme im Blick hat.Ja nach Art und Dauer der Abhängigkeit sowie dem Ist-Zustand der körperlichen und seelischen Gesundheit könne so eine Therapie entwickelt werden, die zugleich den Suchtdruck wie auch das seelische Leid vermindert.
