Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Essstörungen Ständige Suche nach Perfektion

Klaus Hilkmann

Oldenburg - Häufigste Form ist neben der medizinisch als Anorexia nervosa bezeichneten Magersucht vor allem die auch als Bulimia nervosa bekannte Ess-Brechsucht, an der in Deutschland zwischen zwei und fünf Prozent der 14- bis 25-Jährigen erkranken. Dazu kommen seltenere Ausprägungen wie das Binge-Eating-Syndrom, bei dem es nach unkontrollierten Essanfällen nicht zu Brechattacken kommt, sowie die erst seit wenigen Jahren bekannte Orthorexia nervosa.

Kennzeichnend für diese oft bei sehr jungen Betroffenen auftretenden Erkrankungsform ist ein krankhafter Zwang, sich möglichst gesund zu ernähren. „Betroffene Kinder und Jugendliche sorgen sich ständig um ihre Gesundheit. Das geht so weit, dass sie vor allem bei Mahlzeiten den Kontakt mit ihren Mitmenschen meiden, weil sie dessen scheinbar ungesundes Essverhalten nicht mitansehen können“, erklärt Dr. Agneta Paul, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Oldenburg.

Verdrängung

Das Risiko für das Entstehen einer Essstörung kann durch eine familiäre Disposition und biologische Faktoren wie etwa einer Funktionsstörung der für die Appetit-und Essregulation verantwortlichen Gehirn-Botenstoffe erhöht sein. Auslöser sind im Kinder- und Jugendalter fast immer tiefgehende seelische Konflikte, die aus Sicht der jungen Betroffenen nicht lösbar erscheinen und deren Wurzeln meistens in der Familie liegen. „Als Ersatz für die nicht erfolgte Konfliktbewältigung fixieren sich viele Kinder und Jugendliche darauf, möglichst schlank und perfekt auszusehen. Daraus kann eine krankhafte Dauerbeschäftigung mit dem eigenen Körper und dem Essen resultieren“, berichtet Dr. Paul. Die jungen Betroffenen verdrängen ihr Problem häufig und versuchen es so lange wie möglich zu verharmlosen. Es fällt ihnen ebenso schwer, über ihre Essstörung zu sprechen wie über die eigentlich ursächlichen, tief vergrabenen seelischen Probleme.

Die Folge ist, dass selbst sehr schwere Essstörungen oft lange Zeit unbehandelt bleiben und sich psychische Folgeprobleme einstellen – bis hin zu Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angst- und Zwangszuständen sowie dem Hang zu Selbstverletzungen und einer erhöhten Suizidgefahr. Nicht zu zuletzt ist auch ein Zusammenhang mit einer erhöhten Suchtgefahr in späteren Jahren nachweisbar, betont Dr. Paul: „Die Gespräche mit erwachsenen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigen zeigen häufig, dass sie schon seit dem Jugendalter an einer Essstörung leiden.“

Jugendliche sind vor allem deshalb die Hauptrisikogruppe für die Entwicklung einer krankhaften Essstörung, weil sie in diesem Alter mitten in der Pubertär stecken. „Diese Entwicklungsphase ist die Schwerste im Leben“, so Dr. Paul. Die Jugendlichen müssen in diesem Alter eine Vielzahl neuer Lebenssituationen verarbeiten, ohne dass sie die für eine gelassene Bewertung nötige Erfahrung eines Erwachsenen haben. Folge ist, dass – aus Erwachsenensicht – harmlose Konflikte als unüberwindbar wahrgenommen werden.

Verunsicherung

Erschwerend kommt hinzu, dass der Körper der Jungen und Mädchen in der Pubertät einen extremen Veränderungsprozess durchmacht und die oft extremen Hormonschübe zu heftigen Gemütsschwankungen führen. Die Reaktion der Jugendlichen ist nicht selten eine tiefe Verunsicherung und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Der Weg vom Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung des Äußeren zum problematischen Essverhalten ist dann in vielen Fällen nicht mehr weit.

Typisch für die am weitesten verbreitete Bulimia nervosa ist neben der dauernden Beschäftigung mit der Ernährung eine über einen längeren Zeitraum regelmäßig auftretende, unkontrollierbare Gier nach Nahrung. Aus Furcht vor einer Gewichtszunahme versuchen die Betroffenen die bei den Fressattacken aufgenommenen Kalorien umgehend wieder loszuwerden, so Dr. Paul: „Erbrechen ist dafür der scheinbar einfachste und schnellste Weg, so dass sich viele Betroffene nach dem Essen einfach den Finger in den Hals stecken.“

Eine Ess-Brechsucht ist oft auch durch übertriebene sportliche Aktivitäten, lange Hungerphasen und den Missbrauch von Abführmitteln gekennzeichnet. Bei entsprechenden Warnzeichen sollte man umgehend Hilfe bei einem mit der Behandlung von Essstörungen vertrauten Kinder- und Jugendpsychiater, einem Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle suchen, rät Dr. Agneta Paul: „Umso schneller die Erkrankung erkannt und qualifiziert behandelt wird, desto besser sind die Erfolgschancen der Therapie.“

Bei der Diagnose geht es vor allem darum, den Ursachen der Essstörung auf die Spur zu kommen. Dafür reichen Gespräche in der Einzel- und Gruppentherapie mit dem betroffenen Jugendlichen allein meistens nicht aus. Wichtig ist, dass auch die familiäre Situation beleuchtet wird, weil hier oft die Ursache für das seelische Leid verborgen liegt. Mitunter ist eine stationäre Behandlung auch wegen der schwierigen familiären Situation die beste Lösung, so Dr. Paul: „Das Kindeswohl ist bei der Therapiewahl das entscheidende Kriterium.“

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Nach Zündung der beiden Sprenglandungen sackte der Kran zusammen und fiel wie geplant zu Boden.

RHENUS MIDGARD Kran im Nordenhamer Hafen gesprengt

Nordenham
Zieleinlauf beim Matjeslauf in Emden 2023

VOLKSLÄUFE IM NORDWESTEN IM JUNI – TEIL 1 Von 5 Kilometer bis 6 Stunden – Elf Startgelegenheiten bis zu den Sommerferien

Mathias Freese
Nordwesten
Sind in diesem Sommer früh wieder gefordert: Jan Urbas (links) und Nicholas Jensen

FISCHTOWN PINGUINS Erfolge bescheren Bremerhavener Eishockey-Team dichten Terminplan

Hauke Richters
Bremerhaven
Nimmt im Sommer erstmals an den Olympischen Spielen teil: der Oldenburger Jannis Maus

„ICH WILL MÖGLICHST VIEL AUFSAUGEN“ Oldenburger Kitesurfer Jannis Maus fiebert Olympia-Premiere entgegen

Niklas Benter
Oldenburg
Da wird die Deckenlampe zum Duschkopf: Das Wasser kommt durch die Decke und läuft an den Wänden hinunter.

MIETÄRGER IM AMMERLAND Wenn das Wasser aus der Deckenlampe strömt

Anke Brockmeyer
Westerstede