Oldenburg - Häufig löst schon eine einmalige Gewalterfahrung ein Trauma mit etlichen psychischen und körperlichen Folgeproblemen aus, von denen sich die Betroffenen nicht selbst befreien können. Um so schlimmer ist es, wenn Kinder und Jugendliche in der Familie oder in der Schule immer wieder erleben, dass sie körperlichen Attacken ausgesetzt sind. Oft kommt es als Folge zu einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, die zahlreiche schwerwiegende Auswirkungen haben kann.
Angst und Rückzug
Typische Symptome können neben einer unnatürlich erhöhten Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit, auch Depressionen sowie Schlafstörungen inklusive Albträume sein. Viele Kinder und Jugendliche reagieren zudem mit einem Rückzug in sich selbst, Schulversagen oder auch einer gesteigerten Aggressivität. Oft entwickeln die Betroffenen auch eine Verteidigungsstrategie, mit der sie sich von allem fernhalten, was sie belasten könnte.
„Leider gilt das dann oft auch für die Therapie, die dringend erforderlich wäre“, berichtet Dr. Holger Koppe, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie mit Praxis in Oldenburg. Nicht zuletzt zeigen wissenschaftliche Studien, dass Kinder und Jugendliche mit schlimmen Gewalterfahrungen in späteren Jahren mit einer erhöhten Suchtgefahr rechnen müssen.
Ein entscheidendes Kriterium für die medizinische Definition einer entsprechenden Trauma-Erkrankung ist, dass ein aus Sicht der Betroffenen gravierendes Ereignis eintritt, das seine körperliche Unversehrtheit gefährdet und dem er sich hilflos ausgeliefert führt. Entsprechende Situationen können subjektiv sehr unterschiedlich empfunden werden, erklärt Koppe: „Kinder und Jugendliche, die körperliche Gewalt erleiden mussten, empfinden ihre Situation als Bedrohung ohne Ausweg- oder Fluchtmöglichkeit.“
Eltern sollten sich darüber klar sein, dass schon eine als Ausrutscher erklärte Ohrfeige eine schlimme Erfahrung sein kann, die sich wie ein schmerzender Stachel für lange Zeit in die Psyche eines geschlagenen Kindes bohrt.
Der Anteil der Patienten, die in seiner Praxis wegen einer durch Gewalt ausgelösten potstraumatischen Belastungsstörung behandelt werden, wird von Dr. Koppe als recht hoch eingeschätzt, wobei die Dunkelziffer noch deutlich größer sei. Der Grund ist, dass sich viele Kinder und Jugendliche aus Angst vor weiterer, noch schlimmerer Gewalt oder mangels Vertrauen zu einer geeigneten Bezugsperson scheuen, Hilfe zu suchen. „Wir haben jeden Tag mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die in sehr unterschiedlichen Ausprägungen unter einer gravierenden Gewalterfahrung leiden.“
Je nach Art und Ausmaß des Problems kann die Behandlung nach wenigen Gesprächsterminen erfolgreich abgeschlossen sein oder auch Monate und Jahre dauern. Entscheidend für den Therapieerfolg sei immer, dass die Ursache des Problems beseitigt ist, so Koppe: „Die Betroffenen müssen sicher vor weiteren Gewaltattacken sein.“
Umfeld überprüfen
Neben einer qualifizierten Behandlung seien daher auch eine genaue Überprüfung des sozialen Umfelds und meistens auch Maßnahmen erforderlich, mit denen das Gewaltopfer vor neuen Übergriffen geschützt wird. Das kann je nach Aggressor neben einer Anzeige eines jugendlichen Gewalttäters auch eine begleitende Psychotherapie oder Betreuung der Eltern durch speziell geschulte Mitarbeiter des Jugendamtes sein. Ob und welche unterstützende Leistung nötig ist, könne man oft schon nach einem ersten Gespräch erkennen, berichtet Koppe: „Die Eltern sagen häufig selbst, dass sie sich überfordert fühlen und nehmen Hilfsangebote gern an.“
Wichtig sei in jedem Fall, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen erfahren und erkennen, dass stets jemand für sie da ist und Stillhalten keine Lösung ist. Neben der Medizin sei auch die Zivilcourage aller gefordert, die Zeuge gewalttätiger Attacken werden, so Koppe: „Für körperliche Gewalt gegenüber Kindern gibt es keine Rechtfertigung. Die Opfer sind auf Hilfe und Schutz angewiesen.“
Junge Gewaltopfer müssen nicht selten aus ihrer Familie herausgenommen und in einer Kinder- oder Jugendeinrichtung vor Tätern aus ihrem sozialen Umfeld geschützt werden. Mitunter geht es Kindern und Jugendlichen mit Gewalterfahrungen so schlecht, dass sie sich völlig verschließen und nicht mehr ansprechbar sind. In diesen und vielen anderen Fällen reicht eine ambulante medizinische und/oder psychiatrische Behandlung meistens nicht mehr aus, so dass die Überweisung in eine spezielle Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie erforderlich ist, betont Dr. Holger Koppe: „Das gilt vor allem, wenn schwere Verhaltensauffälligkeiten oder andere psychische Folgestörungen bis hin zur Suizidgefahr erkennbar sind.“
In der Therapie können die Patienten auch Strategien lernen, mit denen sich plötzlich ausgelöste Suizidgedanken verdrängen lassen. Das können zum Beispiel individuell abgesprochene, mantraähnliche Formulierungen oder Wortwiederholungen sein, die andere Gedanken auslösen. Nach Abwehr der Akut-Gefahr sei umgehend qualifizierte Hilfe erforderlich.
