Oldenburg - Eine Epilepsie kann in verschiedenen Formen und in jedem Lebensalter auftreten. Typische Symptome sind vor allem unkontrollierbare Muskelanspannungen und Muskelzuckungen, die in der Regel nach kurzer Zeit nachlassen und verschwinden. Je nach Erkrankungsform kündigt sich ein epileptischer Anfall durch spezifische Anzeichen an oder tritt ohne Vorwarnung auf.
Die Art und Schwere der Symptome hängen zum Beispiel davon ab, ob nur eine Gehirnhälfte – bei fokalen Epilepsien – oder beide Gehirnhälften betroffen sind. In diesem Fall liegt eine generalisierte Epilepsie vor.
Verschiedene Formen
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Erkrankung bei rund der Hälfte der Betroffenen erstmals im Kindes- und Jugendalter auftritt – am häufigsten in den ersten zwölf Lebensmonaten. Bedingt durch hormonelle Veränderungen, heilen bestimmte Epilepsien während der Pubertät aus. Andere Formen treten dann erst auf.
Je nach Ursache der Epilepsie kann es auch sein, dass die Betroffenen lebenslang mit epileptischen Anfällen leben müssen. Während ab dem Erwachsenenalter das Risiko einer Epilepsie-Neuerkrankung zunächst deutlich sinkt, steigt ab dem 65. Lebensjahr die Erkrankungshäufigkeit in Folge altersbedingter Veränderungen des Gehirns wieder klar an.
Die Medizin unterteilt insbesondere angeborene (idiopathische) und die gerade bei Erwachsenen deutlich häufigeren erworbenen (symptomatischen) Epilepsien. Bei der idiopathischen Form ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit durch eine genetische Disposition erhöht. Die symptomatische Epilepsie entsteht dagegen als Folge von Hirnschädigungen, die etwa durch Entzündungen des Gehirns oder eine Unfallverletzung entstanden sind.
Die jeweilige Erkrankungsform und die damit verbundenen Symptome hängen stets davon ab, welche Hirnregion betroffen ist, betont Prof. Dr. Christoph Korenke, Direktor der Klinik für Neuropädiatrie und angeborene Stoffwechselerkrankungen im Klinikum Oldenburg: „In einfachen Worten erklärt, bewirken die Gehirnveränderungen eine verstärkte Erregbarkeit von Nervenzellen, was letztlich zu einem epileptischen Anfall führt.“
Konkret erfolgt dann meistens in der Gehirnrinde eine übermäßige Aktivierung von Nervenzellen, die zu einer gleichzeitigen Entladung einer Vielzahl von Nervenzellen führt. Die so ausgelöste Reizung einzelner oder mehrerer Hirnregionen führt zu einem epileptischen Anfall.
Fünf Prozent der Menschen machen einmal im Leben Erfahrung mit einem einmalig auftretenden, vom Gehirn ausgehenden Krampfanfall, der als Gelegenheitsanfall bezeichnet wird. Wenn man in der Hirnstromkurve (EEG) nach dem ersten Anfall Zeichen einer erhöhten Anfallsbereitschaft findet oder ein zweiter Anfall auftritt, liegt eine Epilepsie vor.
Ausführliche Anamnese
Rund zwei Drittel aller Epilepsien lassen sich erfolgreich mit speziellen Medikamenten (Antiepileptika) behandeln, wobei die Erfolgschancen bei genetischen Epilepsien höher sind als bei erworbenen Erkrankungsformen. Die auf einer ausführlichen präzisen Anamnese basierende medikamentöse Epilepsie-Therapie erfolgt meistens über einen Zeitraum von zunächst zwei Jahren und wird in dieser Zeit regelmäßig von einem Neuropädiater kontrolliert und wenn nötig neu justiert.
Wenn keine Anfallsfreiheit erzielt wird oder deutliche Nebenwirkungen in der Therapie auftreten, muss möglicherweise das Medikament oder dessen Dosis verändert werden. Ist mit mehreren Medikamenten keine Anfallsfreiheit zu erzielen und auch eine epilepsiechirurgische Operation nicht möglich, kann ein Behandlungsversuch mit einer ketogenen Diät empfehlenswert sein. Die dabei vom Arzt verordnete, eng überwachte sehr fettreiche und sehr kohlenhydratarme Ernährung kann die Überaktivität der Nervenzellen dämpfen und das Auftreten epileptischer Anfälle verhindern.
Welche Behandlung am besten wirkt, muss bei jedem Patienten von einem mit Epilepsie-Erkrankungen vertrauten Arzt individuell angepasst werden, so Prof. Dr. Korenke: „Ziel ist immer, Anfallsfreiheit zu erreichen durch eine möglichst nebenwirkungsarme Behandlung.“
Bei einem akuten epileptischen Anfall sollten Eltern, Betreuer und Lehrer vor allem Ruhe bewahren und das Kind vor Verletzungen schützen, weil die Betroffenen ihren Körper nicht mehr im Griff haben. Art und Ausprägungen der Symptome sollten so genau wie möglich beachtet werden – auch für einen späteren Bericht beim Arzt. Wenn der Anfall nicht nach spätestens drei Minuten nachlässt, können spezielle Medikamente helfen, den Anfall zu unterbrechen. Bei Epilepsie-Patienten sollte der Arzt mit den Eltern in jedem Fall genau absprechen, ob, wann und welches Notfall-Medikament eingesetzt werden soll.
Die Oldenburger Klinik für Neuropädiatrie und angeborene Stoffwechselerkrankungen betreut pro Jahr mehr als 800 Epilepsie-Patienten im Kindes- und Jugendalter – vom ersten Lebenstag bis zum 18. Geburtstag. Bei therapieresistenten Epilepsien wird gemeinsam mit einem der bundesweit wenigen epilepsiechirurgischen Zentren, etwa in Bielefeld-Bethel, geprüft, ob dem Patienten mit einer Operation geholfen werden kann.
