VECHTA - Erste Hinweise auf eine Schwerhörigkeit können speziell ausgebildete Fachärzte für kindliche Hörstörungen (Pädaudiologen) schon zwischen dem zweiten und sechsten Lebenstag mit einem Neugeborenen-Hörscreening gewinnen. „Das ist eine sehr zuverlässige und für das Kind völlig harmlose Untersuchung. Wir können damit einer Hörstörung schon frühzeitig auf die Spur kommen“, betont die Oberärztin der HNO-Klinik des Marienhospitals Vechta, Dr. Katrin Goldschmidt.
Ohne den frühen Hörtest werde die Schwerhörigkeit häufig erst im zweiten oder dritten Lebensjahr erkannt. „Meistens kommen die Eltern dann erst zu uns, wenn sie sich nicht erklären können, warum ihr Kind nicht mit dem Sprechen anfängt.“ Sichtbare Hinweise gleich nach der Geburt gebe es nur in seltenen Ausnahmefällen. Als typische Symptome nennt die Fachärztin für HNO, Phoniatrie und Pädaudiologie extreme Unruhe und Schreckhaftigkeit. Den Grund könne auch ein nicht betroffener Erwachsener gut nachvollziehen: „Wer wenig hört, bemerkt den nahenden Lkw erst, wenn dieser schon direkt vor ihm steht.“
Als Folge einer zu spät erkannten Hörminderung nennt Dr. Katrin Goldschmidt neben der verzögerten Sprachentwicklung eine allgemeine Entwicklungsverzögerung. Der kleine Betroffene könne in einer wichtigen Entwicklungsphase nicht alle Sinne nutzen, um die Welt nach und nach verstehen zu lernen. Dr. Goldschmidt: „Im Extremfall führt das dazu, dass sich diese Kinder mit den Fäusten bemerkbar machen.“ Mit Aggressivität habe das nichts zu tun. Eher sei das auffällige Verhalten eine Art Notwehr, weil sich „die Kinder sonst nicht verständlich machen können“.
Mit dem Neugeborenen-Hörscreening können dem Kleinkind diese Probleme erspart werden. Wie die Untersuchung funktioniert, demonstriert Dr. Katrin Goldschmidt an dem vor fünf Tagen im Vechtaer Marienhospital geborenen Paul aus Emstek. Der niedliche kleine „Erdenbürger“ bekommt einen Stöpsel ins Ohr, der mit einem Messgerät verbunden ist, das so ähnlich wie ein tragbarer Ticketautomat aussieht.
Das hochsensible Gerät misst im Innenohr mit Hilfe einer Mini-Sonde so genannte Otoakustische Emissionen (OAE). Die Sonde stellt damit fest, ob die für das Hören mitverantwortlichen Flimmerhärchen auf akustische Reize reagieren. Oder einfach gesagt: Die Sonde gibt Töne ab, auf die das Ohr mit eigenen Tönen antwortet. Wenn das Ohr entsprechend reagiere, könne man sicher sein, dass es auch hören könne. Das Ergebnis ist nach wenigen Minuten auf dem Messgerät ablesbar. Nachdem auch das zweite Ohr untersucht wurde, ist für den kleinen Paul klar: „Bei ihm ist alles in Ordnung“, freut sich Dr. Goldschmidt zusammen mit seiner Mutter Anja Sieverding. Paul hat von dem völlig schmerzfreien Hörtest nichts mitbekommen. Er schläft tief und fest weiter.
Wenn der Hörtest im Säuglingszimmer negativ ausgefallen ist, sollte die Messung drei Wochen später bei einem HNO-Arzt wiederholt werden. Wenn sich der Verdacht dabei bestätigt, seien weitere Untersuchungen nötig, damit das genau passende Hörgerät gefunden werden könne. Denn Hörfehler seien nicht gleich Hörfehler. Welche Tonfrequenzen im Ohr ankommen, könne mit einer BERA-Hörtestung festgestellt werden. Dabei werden dem kleinen Patienten Elektroden auf dem Kopf geklebt, die genau anzeigen, ob die ins Ohr geschickten Töne im Gehirn ankommen. Das Hörgerät werde dann so eingestellt, dass die zuvor nicht wahrnehmbaren Frequenzen hörbar werden. Dr. Goldschmidt: „Das Ganze wirkt wie ein Verstärker.“
