Die Ärztin Anke Lambrecht (Bild) ist Leiterin des Beratungszentrums dick & dünn Nordwest mit Sitz in Oldenburg.

Ist eine Essstörung ein Warnsignal der Psyche?

LambrechtDas kann man so sagen, wenn klar ist, dass keine organische Erkrankung dafür verantwortlich ist. Vor dem Auftreten einer psychisch bedingten Essstörung können sich unbewältigte Probleme aufgetürmt haben, oder Jugendliche finden keine Orientierung in ihrem Leben. Die Essstörung ist für Betroffene dann so etwas wie eine Stressbewältigungsmethode. Herkömmliche Bewältigungsmethoden reichen nicht aus, um Sorgen und Ängste auszugleichen.

Sind besonders oft junge Frauen betroffen?

LambrechtJa. Der Grund ist in vielen Fällen, dass junge Menschen unter einem hohen gesellschaftlichen Druck stehen und sich überfordert fühlen. Den vermeintlichen Schönheitsidealen zu entsprechen, gibt jungen Frauen das Gefühl, etwas richtig zu machen. Jungen wählen andere Bewältigungsmetoden, aber mit dem gleichen Ziel.

Besteht die Gefahr, dass eine einmal erworbene Essstörung für immer bleibt?

LambrechtErkennt man eine Essstörung innerhalb der ersten sechs Monate, besteht bei einer rechtzeitigen Intervention eine gute Chance einer Normalisierung. Je länger die Störung anhält, desto schwerer wird eine erfolgreiche Behandlung. Es kann dann sein, dass die Essstörung mit all den daraus folgenden gesundheitlichen Problemen ein Leben lang anhält. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel geheilt werden kann, ein Drittel leidlich mit der Essstörung klar kommt und ein Drittel die Störung nicht bewältigen kann.