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Schwerhörigkeit Wenn das Baby nicht reagiert

Klaus Hilkmann

Oldenburg - Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass in Deutschland zwischen zwei und drei von 1000 Neugeborenen mit einer schweren Hörminderung zur Welt kommen. „Angesichts von jährlich rund 3000 Geburten in den drei Oldenburger Kliniken bedeutet das, dass allein dort in diesem Zeitraum durchschnittlich sechs Babys geboren werden, die hochgradig schwerhörig oder komplett taub sind“, berichtet Dr. Rüdiger Schönfeld, Chefarzt in der HNO-Universitätsklinik des Evangelischen Krankenhauses Oldenburg und Ärztlicher Leiter des Hörzentrums Oldenburg.

Bei weiteren drei bis vier Prozent der Kleinkinder werde früher oder später eine ebenfalls behandlungsbedürftige mittelgradige oder leichte Schwerhörigkeit festgestellt. Fachleute schätzen, dass bundesweit mindestens 500 000 Kinder unter einer Schwerhörigkeit leiden.

Wahrnehmung erschwert

Ohne eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können sich Kleinkinder mit einer angeborenen Hörminderung nicht adäquat entwickeln. Wenn die Kommunikation über die Ohren ausfällt, ist keine normale Wahrnehmung möglich. Erste erkennbare Folgen zeigen sich schon nach wenigen Lebenswochen. Typische Anzeichen sind, wenn das Baby nicht wie erwartet auf akustische Reize reagiert – sich etwa bei einem lauten Geräusch nicht erschrickt oder den Kopf nicht in Richtung einer aus kurzer Distanz sprechenden Person bewegt. Eine dann wahrscheinliche schwere Hörminderung hat zur Folge, dass das betroffene Kind keine Chance hat, alltägliche Geräusche und Gespräche akustisch wahrzunehmen und ihre Bedeutung richtig einzuordnen.

Da das auch für die Lautkombinationen der ersten eigenen Sprechversuche gilt, ist auch keine normale Entwicklung des Sprechvermögens möglich. „Die Fähigkeit zum Sprechen und Verstehen der Umwelt hängt entscheidend von einem guten Hörvermögen ab“, erklärt Dr. Schönfeld.

Eine unerkannte starke Hörminderung könne dazu führen, dass sich das Kind nicht im Leben zurechtfinden kann und verstummt, was letztlich zur Taubstummheit führen könne. Wenn die für das Hören zuständigen Hirnareale in der frühen Entwicklungsphase des Kindes untrainiert bleiben, stelle sich nicht zuletzt auch eine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung ein. Daraus folgende Probleme reichen von Lernschwierigkeiten bis hin zu gefährlichen Orientierungsdefiziten im Straßenverkehr.

Genau das kann man fast immer mit einer konsequenten und qualifizierten Früherkennung verhindern. Wie das funktioniert, zeigt das in den drei Oldenburger Geburtskliniken und weiteren Krankenhäusern der Region wie etwa in Westerstede und Wilhelmshaven etablierte, obligatorische Hör-Screening bei Neugeborenen.

Zuverlässige Diagnose

„Mit dieser für das Baby unproblematischen und schmerzfreien Untersuchung kann man Anzeichen einer angeborenen Hörminderung zuverlässig erkennen und schnell geeignete Maßnahmen zur Lösung des Problems einleiten“, betont Dr. Schönfeld. Mit der Einbindung des Hörzentrums Oldenburg sei eine systematische Begleitung des Hör-Screenings sichergestellt. So werden die bei den Untersuchungen gewonnenen Daten von den beteiligten Krankenhäusern für eine weitere Auswertung an das Hörzentrum weitergeleitet, was letztlich zu einer optimalen Versorgung beitrage.

Beim Hör-Screening wird im Ohr gemessen, ob dort eine Reaktion auf akustische Reize erfolgt. Dazu wird in den Neugeborenen-Stationen von speziell geschulten Audiometrie-Assistenten, Hebammen oder Krankenschwestern behutsam eine mit einem Aufnahmegerät verbundene Mini-Sonde im Gehörgang des Babys platziert. Anhand der gewonnenen Werte könne man schweren angeborenen Hörbeeinträchtigungen bereits gut auf die Spur kommen, so Dr. Schönfeld. Ein auf die Behandlung von Kindern mit Hörproblemen spezialisierter Pädaudiologe und Phoniater könne dann mit weiteren Diagnoseverfahren aufklären, wie stark die Hörminderung ist und welche Ohr-Regionen dafür verantwortlich sind.

Mit einer frühzeitigen Behandlung kann man den kleinen Patienten meistens sehr gut helfen, betont Dr. Rüdiger Schönfeld. So könne man Kinder mit einem verminderten Hörvermögen heute schon im dritten oder vierten Lebensmonat mit einem Hörgerät versorgen, das ein nahezu normales Hören – und damit auch eine altersgerechte Entwicklung – ermöglicht.

Mittels eines im Ohr eingebauten, direkt mit dem Hörnerv verbundenen Cochlea-Implantats könne man sogar gehörlos geborenen Kindern so gut zum Hören verhelfen, dass sie im Kindergarten oder in der Schule ohne Beeinträchtigung kommunizieren können. Entscheidend sei dafür, dass die Diagnostik nach spätestens sechs Lebensmonaten abgeschlossen ist.

Ein HNO-Arzt oder Pädaudiologe prüft bei Hinweisen auf eine Hörminderung etwa, ob die Gehörgänge und das Trommelfell normal angelegt sind. Mit einer objektiven Audiometrie-Untersuchung lässt sich zudem feststellen, wie das Ohr auf otoakustische Emissionen reagiert. Die Reaktion des Kinds zeigt dann, ob die akustischen Reize wahrgenommen werden.

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