Oldenburg - Die Krankheit Alzheimer wurde 1906 erstmals von ihrem Namensgeber – dem Psychiater Alois Alzheimer – beschrieben. Trotz intensiver wissenschaftlicher Forschungen sind die genauen Ursachen der Erkrankung auch mehr als 100 Jahre später noch weitgehend unbekannt.
Immerhin gebe es aber inzwischen medizinische Erkenntnisse und Verfahren, mit denen man Alzheimer präzise erkennen und die Gründe besser erklären kann, berichtet Dr. Thomas Brieden, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie in der Karl-Jaspers-Klinik Oldenburg: „Statt nur über einige wenige verfügt die Medizin heute vielleicht über 700 von 1000 Teilen eines Puzzles, das richtig zusammengesetzt in Zukunft ein genaues Bild über die Alzheimer-Erkrankung geben könnte. Allerdings wissen wir nicht, wie die Teile zusammenpassen.“
Ab 60 höheres Risiko
Letztlich bedeute das, dass niemand abschätzen könne, ob man früher oder später von Alzheimer betroffen sein wird. Auch eine besonders gesunde Lebensweise biete keinen sicheren Schutz. „Leider gilt noch immer, dass die Alzheimer-Erkrankung kommt oder auch nicht“, so Dr. Brieden. Sicher ist, dass sich erste Symptome in der Regel bei Frauen und Männer ab 60 bemerkbar machen – auch, wenn die Erkrankung in seltenen Fällen schon in deutlich jüngeren Jahren auftreten kann.
Zudem weiß man heute, dass Alzheimer zwar keine Erbkrankheit ist, das Erkrankungsrisiko aber höher ist, wenn bereits die Eltern oder Großeltern betroffen waren. Nicht zuletzt korrespondiert Alzheimer häufig mit anderen Gründen, die das Absterben von Hirnzellen zur Folge haben können.
So leiden nur rund 20 Prozent aller Betroffenen unter einer reinen Alzheimer-Demenz. Bei der Mehrzahl der Patienten handelt es sich um eine Mischform, bei der vor allem die nachlassende Leistungsfähigkeit des Gefäßsystems für zunehmende Versorgungsdefizite des Zell- und Nervensystems sorgt – und damit auch das irreparable Absterben von Gehirnzellen zur Folge hat. Da das Gefäßsystem durch einen ungesunden Lebensstil etwa durch Rauchen, Übergewicht und Bewegungsarmut zusätzlich geschädigt wird, erhöht sich dadurch die Gefahr, dass mitunter schon in jungen Jahren viele Nervenzellen und Nervenzellkontakte absterben, die in bestimmten Hirnregionen für das Funktionieren des Kommunikationssystems sorgen.
„Wenn durch schädliche äußere Einflüsse frühzeitig viele Nervenzellen verloren gegangen sind, stehen diese später nicht mehr zur Verfügung, um die Funktion anderer Nervenzellen kompensieren zu können, die im Zuge des natürlichen Alterungsprozesses zugrundegehen“, erklärt Dr. Brieden. Die Folge ist oft, dass Alzheimer früher oder in einer schweren Form auftritt.
Hausschlüssel verlegt
Typische erste Symptome einer Alzheimer-Erkrankung sind vor allem Gedächtnis- und Orientierungsprobleme sowie Sprachstörungen oder plötzliche Fehleinschätzungen bei der Beurteilung von Alltagssituationen. Betroffene können sich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, wohin sie ihren Hausschlüssel oder ihre Zahnbürste gelegt haben. Mitunter vergessen sie auch Namen und Telefonnummern oder wissen im Supermarkt nicht mehr, was sie einkaufen wollten.
Bei einem fortschreitenden Verlauf kommt es auch zu einer gravierenden Veränderung der Persönlichkeit. Wer früher eher impulsiv und fröhlich war, wird häufig depressiv und zieht sich immer mehr in sich zurück. In späteren Stadien sind Betroffene immer weniger in der Lage, ihren Lebensalltag ohne fremde Hilfe organisieren zu können. Ohne gezielte medizinische Hilfe kann sich eine Alzheimer-Erkrankung in kurzer Zeit verschlimmern und zur Pflegebedürftigkeit führen.
Soweit muss es dank moderner Behandlungsoptionen längst nicht immer kommen. Mit verschiedenen Medikamenten lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung bei vielen Patienten bremsen, so dass sich die Symptome im besten Fall über viele Jahre gar nicht oder nur wenig verschlimmern, betont Dr. Brieden: „Die Medizin kann den Patienten mitunter viele Jahre eines lebenswerten Lebens schenken.“
Alzheimer Ist eine von vielen unterschiedlichen Formen einer Demenz-Erkrankung. Die in westlichen Industrieländern verzeichnete Zunahme von Alzheimer- und anderen Demenzerkrankungen ist in erster Linie eine Begleiterscheinung der stetig ansteigenden durchschnittlichen Lebenserwartung. Eine verbesserte Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung sorgt dafür, dass immer mehr Menschen sehr viel älter werden, als es ihre genetische Disposition eigentlich zulässt, betont Dr. Thomas Brieden.
Bei der Diagnostik ist als Erstes eine ausführliche Anamnese wichtig, bei der nach möglichen Anzeichen sowie nach Vor- und Begleierkrankungen gefragt wird. Zur Aufklärung tragen weiterhin eine Computertomografie oder eine Kernspintomografie vom Gehirn bei. Wenn das nicht ausreicht, kann auch eine Nervenwasserpunktion nötig sein. Zur Untersuchung gehören zudem verschiedene neuropsychologische Testverfahren, mit denen die Schnelligkeit sowie die Gedächtnis- und Koordinationsfähigkeit des Patienten festgestellt werden.
