Bad Zwischenahn - Wenn sich kurz nach der Geburt ein sogenannter Schwangerschafts-Blues einstellt, ist das zunächst ganz normal, berichtet Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen (Gemeinde Bad Zwischenahn): „Der weibliche Organismus muss dann mit gravierenden körperlichen und hormonellen Veränderungen zurechtkommen, was natürlich auch Auswirkungen auf die Psyche haben kann.“
Darüber hinaus ist die Verantwortung für ein Baby insbesondere bei einer Erstgeburt für viele Frauen mit einer deutlichen Veränderung der Lebensumstände und des Rollenverständnisses verbunden, was eine Vielzahl ungelöster Fragen mit sich bringt. Gerade bei beruflich an Erfolg gewöhnte Frauen löse diese Situation oft einen psychosozialen Konflikt aus, den sie nicht allein bewältigen können.
Als Folge leiden Frauen kurz vor oder nach der Entbindung mitunter unter mehr oder weniger starken Befindlichkeitsstörungen, die zum Beispiel mit einer erhöhten Empfindlichkeit oder Schlafproblemen einhergehen können. Mit der nach der Geburt vom Körper vollzogenen Umstellung sowie einer Zeit der Erholung und Gewöhnung geht das psychische Tief normalerweise nach wenigen Tagen oder Wochen von selbst wieder vorbei.
Akute Gefahr möglich
Wenn das nicht gelingt, kann ein behandlungsbedürftiges psychisches Problem vorliegen. Ohne qualifizierte Hilfe können sich dann erhebliche negative Folgen einstellen. Unter anderem kann die Mutter-Kind-Beziehung von Anfang an gestört sein und einen dauerhaften Schaden erleiden. Im schlimmsten Fall können durch die psychische Störung der Mutter auch Situationen entstehen, die eine akute Gesundheitsgefährdung für die Frau und das Kind darstellen.
Aktuelle wissenschaftliche Studien gehen davon aus, dass in Deutschland bis zu 20 Prozent aller Schwangeren eine psychische Störung entwickeln, wobei längst nicht alle Fälle bekannt werden. Die Schwangerschaftsdepression ist unter der Vielzahl unterschiedlicher seelischer Störungen, die sich im Zuge einer Schwangerschaft einstellen können, mit Abstand das häufigste psychische Problem – weit vor behandlungsbedürftigen Ängsten und Psychosen.
„Entsprechende Erfahrungen machen wir auch in der Sprechstunde für psychische Probleme rund um die Geburt, die in der Karl-Jaspers-Klinik eigens für die ambulante Beratung und Behandlung von Frauen vor und nach einer Schwangerschaft eingerichtet ist“, berichtet Philipsen. Allein im jüngsten Quartal – also innerhalb von drei Monaten – haben dort mehr als 70 Frauen Hilfe gesucht. Die meisten von ihnen litten unter typischen Symptomen einer Schwangerschaftsdepression.
Tiefe Verzweiflung
Bei einer Depression gerät eine schwangere oder vor Kurzem entbundene Frau in einen Gefühlszustand, der von Ängsten, Niedergeschlagenheit, tiefer Verzweiflung und Ausweglosigkeit gekennzeichnet ist. Betroffene können keine Freude empfinden und sehen in ihrem Leben oft keinen Sinnen mehr. Nicht wenige entwickeln früher oder später Suizidgedanken. Selbst wenn es nicht so weit kommt, hat eine Depression der Mutter auch für das Kind negative Auswirkungen, erklärt Prof. Dr. Philipsen: „Da eine depressive Mutter selbst keine positiven Gefühle empfindet, kann sie diese auch nicht an das Kind weitergeben.“ Das sei für das Baby gerade in seiner ersten Lebensphase schädlich, weil das Kind in dieser Zeit ganz besonders auf die Empathie und die Zuwendung der Mutter angewiesen ist.
Um aus dem psychischen Teufelskreis herauskommen zu können, ist es für die betroffene Frau und auch ihr familiäres Umfeld zunächst entscheidend, dass Anzeichen für eine Schwangerschaftsdepression ernst genommen werden, betont Philipsen: „Eine Depression ist immer eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die jeden treffen kann und für die es keine Schuld gibt.“
Betroffene Frauen müssten sich als Erstes klar machen, dass nicht sie, sondern ihre psychische Erkrankung für das Problem verantwortlich ist.
Wie wichtig die frühe Behandlung einer Schwangerschaftsdepression für das Kind ist, lässt sich auch physiologisch leicht erklären. So ist eine psychische Erkrankung stets mit Stress für den Organismus und das Gehirn der Frau verbunden, erklärt Prof. Dr. Alexandra Philipsen: „Die so entstandenen Stresshormone werden nebst anderen Botenstoffen über die Nabelschnur und die Gebärmutter direkt an das Kind weitergegeben.“
Als Folge entstehe nicht nur ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt. Zudem haben Babys psychisch kranker Mütter schlechtere Voraussetzungen für eine normale und unbeschwerte Entwicklung, wenn die psychisch kranke Schwangere unzureichend behandelt wurde. Die Babys sind dann bei der Geburt oft vergleichsweise klein und zart. Zudem neigen sie zu vermehrtem Schreien und zu Trinkproblemen. Eine frühzeitig erkannte Depression lässt sich mit guten Erfolgsaussichten behandeln. Sie kann aber immer wieder aufs Neue auftreten. Das gilt auch dann, wenn das Kind längst groß geworden ist.
