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Posttraumatische Belastungen Wenn die Seele verletzt ist

Klaus Hilkmann

Oldenburg - Ein psychisches Trauma ist anders als eine körperliche Wunde längst nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Es entsteht häufig bereits im Kindesalter und begleitet Betroffene mitunter viele Jahre, ohne dass die Problematik erkannt und qualifiziert aufgearbeitet wird. „Auslöser ist stets eine als existenziell bedrohlich empfundene Situation, der man sich hilflos ausgesetzt fühlt, weil es scheinbar keine Bewältigungsmöglichkeit gibt“, erklärt Dr. Agneta Paul, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Oldenburg.

Eine so entstandene Verletzung der Seele kann oft mit Hilfe eines stabilen sozialen Umfelds und/oder fachgerechter medizinischer Unterstützung überwunden werden. Wenn das nicht gelingt, entwickelt sich nicht selten eine psychische Erkrankung wie etwa eine posttraumatische Belastungsstörung, die viele Betroffene bis zum Lebensende begleitet.

Wut und Trauer

Ähnlich wie eine nicht heilende körperliche Wunde verursacht auch eine posttraumatische Belastungsstörung immer wieder die gleichen Beschwerden, wobei die Art und das Ausmaß des Leidensdrucks individuell sehr unterschiedlich sind. Neben belastenden Gefühlen wie Hilflosigkeit, Wut und Trauer können sich auch depressive Erkrankungen und körperliche Symptome einstellen. Der Dauerangriff auf Körper und Seele führt letztlich auch zu einer erhöhten Anfälligkeit für körperliche Erkrankungen.

In akuten Fällen kann die psychische Verletzung dafür sorgen, dass alle Lebensbereiche und das Verhalten des Betroffenen erheblich beeinträchtigt werden. Auch wenn das Problem für längere Zeit vergessen schien, können die Erinnerungen an ein lange zurückliegendes Trauma-Erlebnis plötzlich und unvermittelt wieder auftauchen.

Sie können dann so frisch wirken, als wenn sie gerade erlebt worden sind, betont Dr. Agneta Paul: „Der Tag wird dann oft vollständig vom auslösenden Ereignis bestimmt. Die Gedanken und Gefühle kreisen nur noch um die eine schmerzhafte Erinnerung.“

Die bei einem Trauma-Erlebnis in der Kindheit erlebten Sinneseindrücke oder Körperempfindungen können sich noch viele Jahre später immer wieder aufs Neue einstellen – inklusive der etwa bei Misshandlungen oder Missbrauch erlittenen Schmerzen und Ängste. Die körperlichen Reaktionen können von Atem-, Magen- und Darmbeschwerden bis hin zu Herzrasen, Zittern und Schwitzen reichen. Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden häufig unter Albträumen und schweren Schlafstörungen, weil sie auch dann noch von ihren unbewältigten Erinnerungen verfolgt werden.

Besonders gefürchtet sind die sogenannten Flashbacks. Diese meistens ohne Vorwarnung auftretenden Erinnerungsattacken können so stark und ausgeprägt sein, dass sich der Betroffene praktisch direkt in ein schlimmes Ereignis aus der Kinder- oder Jugendzeit zurückversetzt fühlt.

Viele Kinder betroffen

Eine in Fachkreisen anerkannte Untersuchung der Psychiatrischen Kliniken Basel aus dem Jahr 2011 zeigt, dass rund 75 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in irgendeiner Weise ein psychosoziales Trauma erlitten haben. Fast 50 Prozent von ihnen sind in ihrem sozialen Umfeld mindestens ein Mal Zeuge körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen wurden selbst Opfer körperlicher Misshandlungen. Ein besonders erschreckendes Studienergebnis ist, dass etwa 15 Prozent bis zum 18. Lebensjahr mehr oder weniger schwer von sexuellen Missbrauch betroffen ist. Auch ein Unfall, die Krankheit oder der Verlust eines Elternteils kann die Ursache für ein psychosoziales Trauma sein.

Ein in der Kindheit erlittenes psychosoziales Trauma kann langfristig schwere seelische und körperliche Schäden wie etwa eine posttraumatische Belastungsstörung verursachen. Zudem kann es zu kognitiven und körperlichen Entwicklungsverzögerungen sowie einer Beeinträchtigung der Intelligenzentwicklung kommen, so Dr. Agneta Paul. Entsprechende Probleme können aber zum Glück häufig mit einer qualifizierten Therapie überwunden werden.

Unbewältigte Trauma-Erlebnisse können bei Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen. Im Kindesalter ist das Verhalten vor allem von Trennungsängsten bestimmt. Das führt häufig zu einem Verhaltensmuster, das von einem schnellen und unkontrollierbaren Wechsel von tiefer Niedergeschlagenheit und Rückzug sowie Wut und Zorn geprägt ist.

Ähnliche Symptome können Betroffene auch im Jugendalter entwickeln. Bei ihnen kommt es zusätzlich oft zu depressiven Reaktionen sowie einem Hang zu Suchtmitteln und zur Selbstzerstörung. Viele Betroffene leiden unter Bindungsproblemen, die lange anhalten und zu einer Belastung der Partnerschaft und der später aufgebauten Familie werden.

Dazu kommen häufig psychosomatische Beschwerden, die Körper und Geist jahrelang gleichermaßen stark belasten können, berichtet Dr. Agneta Paul: „Oft entsteht schon in früher Kindheit ein Teufelskreis, aus dem viele Betroffene nie wirklich einen Ausweg finden.“

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