Oldenburg - Nach Untersuchungen der Krankenkasse Barmer GEK wurde die Diagnose ADHS (Aufmerksamheitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) 2011 bundesweit bei rund 750 000 Menschen gestellt. Mehr als 80 Prozent der Betroffenen sind demnach unter 19 Jahre alt. Jungen sind mehr als drei Mal so häufig betroffen wie Mädchen. Fachleute schätzen, dass ADHS mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu sieben Prozent eine der am weitesten verbreitete psychiatrische Störung im Kinder- und Jugendalter ist. Nach Abschluss der Pubertät verändern sich die ADHS-Symptome zwar oder können verschwinden. Der größte Teil der Betroffenen muss aber lebenslang mit damit verbundenen Symptomen leben.
Die Zahl der ADHS-Patienten steigt in Deutschland seit Jahren kontinuierlich an, was Fachleute vor allem damit begründen, dass die Störung vor allem bei Kindern und Jugendlichen heute deutlich schneller und zuverlässiger erkannt wird als noch vor 15 oder 20 Jahren.
Symptome ändern sich
Erste ADHS-Symptome können sich bereits zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr bemerkbar machen. Zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule können eine Reihe von Verhaltensauffälligkeiten auf ADHS hinweisen, die sich mit fortschreitendem Alter oft verändern. Im Kindesalter leiden die kleinen Betroffenen – und ihr soziales Umfeld – besonders häufig unter dauernder motorischer Unruhe, die mitunter mit Dauer-Opposition und einem unangemessen aggressiven Verhalten verbunden ist.
Anstelle der Ruhelosigkeit treten im Jugendalter oft Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizite auf. Dazu kann eine verminderte Motivation und eine Verweigerungshaltung kommen: „Betroffene fallen häufig in der Schule oder am Arbeitsplatz auf, weil sie große Schwierigkeiten mit ihrem Organisations- und Arbeitsverhalten haben und sich außerdem immer weiter aus der Gemeinschaft zurückziehen“, berichtet Dr. Agneta Paul, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Oldenburg. Zu den unangenehmen Folgen zähle mitunter nicht nur ein deutlicher Abfall der Arbeitsleistung. Nicht selten komme es darüber hinaus immer wieder zu depressiven Stimmungen und einer erhöhten Neigung zum Drogenmissbrauch.
Weil es immer um höchst sensible Kinder- und Jugendseelen geht, sei im Verdachtsfall stets eine umfassende Diagnostik durch Kinder- und Jugendpsychiater, Diplom-Psychologen und Kinderärzte nötig, die auf die Behandlung von ADHS spezialisiert sind. Für die ADHS-Diagnostik gebe es inzwischen klare und weitgehend anerkannte Kriterien und Untersuchungsmethoden. Dazu zähle als erstes eine präzise Anamnese, zu der neben dem Aufbau der Kommunikation zu den betroffenen Kindern und Jugendlichen auch ein genauer Blick auf das soziale Umfeld gehöre, betont Dr. Paul: „Intensive Gespräche mit den Eltern und anderen wichtigen Kontaktpersonen wie Kindergärtnern und Lehrern sind ein entscheidender Faktor, um der Ursache der Probleme auf die Spur kommen zu können. Dafür muss man sich einfach die nötige Zeit nehmen.“
Spezielle Testverfahren
Zur Abklärung des Störungsbilds seien zudem zahlreiche körperliche, psychiatrische, kognitive und neurologische Untersuchungen inklusive EEG, spezielle Testverfahren sowie Verhaltensbeobachtungen nötig. Zur Diagnostik gehöre zum Beispiel, dass die jungen Patienten im geschützten Raum mit (Alltags)-Situationen konfrontiert werden, die bislang Angst oder Aggressionen bei ihnen ausgelöst haben. „Im Ergebnis unserer Untersuchungen zeigt sich häufig, dass die Diagnose ADHS allein zu einfach ist, um den Betroffenen wirklich helfen zu können.“
Dr. Agneta Paul berichtet, dass nicht selten eine ganz andere Problematik wie etwa Störungen des Sozialverhaltens, eine Traumatisierung oder eine somatische Erkrankung wie eine Epilepsie oder ein Diabetes mellitus als Verursacher der Beschwerden erkannt wird. Bei Jugendlichen sei zudem immer häufiger regelmäßiger Cannabis-Konsum die wesentliche Ursache ADHS-ähnlicher Symptome. Nicht zuletzt leiden gerade Kinder und Jugendliche mit einer schweren ADHS-Symptomatik oft unter einer komplexen psychischen Störung, für die sehr tief gehende Probleme – bis hin zu Gewalt oder Missbrauch – verantwortlich sind.
Wenn die Diagnose ADHS feststeht, empfiehlt Dr. Agneta Paul eine multimediale Behandlung, die auf mehreren Säulen basiert. Wichtig sei vor allem ein klärendes Gespräch mit den Jugendlichen und den Eltern. Mitunter könne man schon mit Änderungen im sozialen Umfeld – wie etwa klare Regeln oder ein liebevollerer Umgang – eine Menge erreichen. Falls eine unterstützende medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka nötig ist, sollte die Verordnung regelmäßig überprüft werden.
ADHS wird meistens durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausgelöst. Eine große Rolle spielt die familiäre Disposition. Aktuelle Studien zeigen, dass bei 57 Prozent der Eltern, die selbst unter einer hyperkinetischen Störung gelitten haben, die gleiche Problematik auch bei ihren Kindern festgestellt wird. Die Störung kann durch bestimmte Gene ausgelöst werden, die in die Regulation des Hormons Dopanin eingreifen. Einem Großteil dieser Patienten könne man unter anderem gut mit medikamentösen Stimulanzien helfen, die die Fehlregulation ausgleichen.
