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Narkolepsie Gehirn schaltet auf Schlaf um

Klaus Hilkmann

WESTERSTEDE - Bundesweit sind allein wegen einer Narkolepsie rund 30 000 Patienten in ärztlicher Behandlung. Bei vielen Betroffenen bleibt diese neurologische Erkrankung lange Zeit unerkannt, weil die Symptome als „normal“ hingenommen werden. Die Dunkelziffer wird daher von Schlafmedizinern deutlich höher geschätzt. Anders als etwa eine in Folge einer Apnoe eintretenden Schlafstörung wird eine Narkolepsie nicht durch organische Probleme – beispielsweise mit dem Atmungssystem – verursacht. Vielmehr wird der andauernde Schlafdrang durch eine meistens genetisch bedingte hirnorganische Funktionsstörung ausgelöst. Mit einfachen Worten erklärt, weicht bei einer Narkolepsie das im Gehirn für das Wachsein und das Schlafen verantwortliche Befehlszentrum vom normalen 24-Stunden-Rhythmus ab, an dem sich der Organismus automatisch orientiert.

Reaktion auf Reize

Narkolepsie-Patienten haben im Alltag immer wieder die gleichen Probleme: Sie sind dauernd müde und schlafen tagsüber plötzlich ein, obwohl sie nachts ausreichend geschlafen haben. In schweren Fällen kann als Begleiterscheinung sogar ein medizinisch als Kataplexie bezeichneter Muskeltonusverlust dazu kommen. „Betroffene können sich dann als Reaktion auf einen starken emotionalen Reiz wie etwa einem guten Witz nicht mehr auf den Beinen halten, weil sie die Kontrolle über ihre Muskulatur verlieren“, berichtet Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin der Neurologischen Klinik in der Westersteder Ammerland-Klinik: „Wenn man ohne Vorwarnung einschläft oder zusammensackt, ist das nicht nur unangenehm. Das kann auch gefährlich werden.“

Ursache für die Steuerungsschwäche im Gehirn ist nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Mangel an körpereigenen Hypocretin-Botenstoffen. Diese auch als Neurotransmitter bezeichneten biochemischen Stoffe geben normalerweise Informationen wie „Schlafen“ oder „Wachsein“ von einer Zelle zur anderen weiter. „Die Zellen, die diesen Botenstoff produzieren, gehen bei Narkolepsie-Patienten unter“, erklärt Prof. Dr. Kotterba. Die Folge ist, dass der Organismus seinen normalen Schlaf-Wachrhythmus nicht mehr finden kann und sich mitunter auch Kataplexien einstellen. Da der Körper die fehlende Botenstoff-Produktion nicht kompensieren kann, sind einmal Betroffene lebenslang auf Medikamente angewiesen.

In seltenen Fällen kann eine Narkolepsie bereits im Kleinkindalter auftreten. Da die Symptome mitunter ähnlich sind, werden sie dann oft zunächst einer ADHS-Erkrankung zugeschrieben, so Prof. Dr. Kotterba: „Narkolepsie-Kinder reagieren oft mit Unruhe und Hyperaktivität, weil sie damit gegen ihren unnatürlichen Schlafdrang ankämpfen.“ Am häufigsten macht sich die Narkolepsie aber erstmals um das 20. Lebensjahr bemerkbar. Ein zweiter Gipfel tritt nach Erkenntnis der Schlafmediziner etwa 20 Jahre später auf. Frauen und Männer sind in etwa gleich häufig betroffen.

Mitarbeit erforderlich

Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist zunächst eine exakte Bestimmung der vorliegenden Schlafstörung. Die dafür erforderliche Diagnostik erfordert als erstes die Mitarbeit des Patienten und seiner Angehörigen. Die müssen mittels eines speziellen Fragebogens über 14 Tage ein Protokoll über die Schlafgewohnheiten führen. Auf dessen Grundlage wird dann im Gespräch mit dem Arzt festgelegt, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind. Zudem wird eine Blutuntersuchung durchgeführt, um ausschließen zu können, dass andere Erkrankungen wie etwa Diabetes oder eine Schilddrüsenfehlfunktion für die Dauerschläfrigkeit verantwortlich sind. Einen Narkolepsie-Verdacht kann man anschließend – wie andere Schlafstörungen auch – sehr gut durch eine weiterführende Diagnostik im Schlaflabor abklären“, so Prof. Dr. Kotterba. Dabei wird über zwei Tage und Nächte unter anderem aufgezeichnet, in welchen Situationen sich plötzlicher Schlafdrang einstellt und wie fest der Patient nachts schläft: „Wenn dabei zum Beispiel nachgewiesen wird, dass der Traumschlaf schon nach zehn statt normalerweise 90 Minuten beginnt, ist das ein typisches Zeichen für eine Narkolepsie.“

Wenn die Art

und Ursache der Schlafstörung erkannt ist, kann zumindest eine Narkolepsie in der Regel mit gutem Erfolg behandelt werden. Die Therapie basiert auf zwei Säulen. Wichtig sind neben dem Einsatz von Medikamenten zum Schutz gegen die plötzlichen Schlafattacken feste Regeln für die Schlafhygiene. So sind zum Beispiel Ruhe und Dunkelheit für einen erholsamen Schlaf notwendig, betont Prof. Dr. Sylvia Kotterba: „Wer hier zusammen mit seinem Arzt eine passende Abstimmung gefunden hat, kann eine Narkolepsie-Erkrankung zwar nicht heilen, aber deutlich besser mit ihr leben.“

Im Schlaflabor der Ammerland-Klinik werden pro Jahr rund 700 Untersuchungen bei Patienten mit Schlafstörungen durchgeführt. Die meisten kommen nach Zuweisung von Haus- oder Fachärzten in das Zentrum für Schlafmedizin nach Westerstede. Für einige Betroffene ist die Untersuchung aber auch nicht ganz freiwillig. So muss man bei einem Narkolepsie-Verdacht mitunter eine geeignete Behandlung nachweisen, um den Führerschein zu bekommen.

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