Goldenstedt/Hamburg/Oldenburg - Berührungen und Zärtlichkeit – das sind zwei Dinge, die Niklas in seinem Leben vermisst. Niklas (Name von der Redaktion geändert) ist 30 und sitzt im Rollstuhl. Noch nie hat er die körperliche Nähe einer Frau gespürt. Er sehnt sich danach, sagt er. Nicht selten wird einem Menschen wie Niklas die eigene Sexualität abgesprochen, ignoriert und tabuisiert, sagen Experten. „Beim Thema Liebe und Sex stoßen Menschen mit Behinderung häufig auf Abneigung oder Scham. Vieles ist nach wie vor noch behaftet mit Vorurteilen. Ein gängiges davon lautet: Menschen mit Behinderung haben gar keine Sexualität“, sagt etwa Wiebe Hendeß aus Oldenburg. Beim Studentenwerk arbeitet sie als Beraterin für behinderte und chronisch kranke Studierende. Nebenberuflich auf Honorarbasis steht sie Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen als Sexualberaterin zur Seite. „Die Menschen leben ihre Sexualität einfach nach einem anderen Verständnis von Sexualität, Partnerschaft und Ehe aus.“ Einem Verständnis, das nicht dem der Mehrheitsgesellschaft entspreche, erklärt die Sexualberaterin. Damit diese Menschen ihr Bedürfnis nach Sexualität befriedigen können, suchen einige von ihnen spezialisierte Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter auf und zahlen für diese Begegnung. Ein offener Umgang mit dieser Thematik findet in der Öffentlichkeit nur sehr selten statt. Zuletzt gelangte das Thema 2017 bundesweit in die Schlagzeilen, als eine Bundestagsabgeordnete der Grünen die Kostenübernahme von sexuellen Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung forderte – etwa nach dem Vorbild der Niederlande, wo unter strengen Auflagen eine solche Leitung vom Staat finanziert oder bezuschusst werden kann. In Deutschland übernehmen die Krankenkassen die Kosten für solche Dienstleistungen in aller Regel nicht.
Sexualität von Menschen mit Behinderung
Alba aus Goldenstedt ist eine von diesen Sexualbegleiterinnen. Sie spricht ganz offen über das, was nach wie vor tabuisiert wird.
Niklas erzählt, wie er Alba kennengelernt hat. Im Internet ist er auf die Anzeige von ihr gestoßen. Mehrere Monate hat Niklas überlegt, ob er sich wirklich mit der 48-Jährigen treffen möchte. Zu groß war die Scham, für körperliche Nähe zu bezahlen, sagt er. In Hamburg, in einem geschützten Umfeld fernab von Kiez und Rotlicht, sind sich die beiden zum ersten Mal begegnet. Für die gemeinsame Zeit mit Alba in einem diskreten Stundenhotel in Borgfelde, einem Stadtteil von Hamburg, ist Niklas extra angereist. Alba heißt eigentlich nicht Alba. Aber wenn sich die Frau mit Menschen in Hamburg trifft, nennt sie sich so. Eigentlich wohnt sie in Goldenstedt (Landkreis Vechta), leitet dort eine Änderungsschneiderei und arbeitet freiberuflich als Sexarbeiterin. Seit einiger Zeit bietet sie Männern mit einer Behinderung erotische Begegnungen. „Diese Menschen haben auch Bedürfnisse“, sagt sie. Es ist ihr wichtig, auf diese Menschen einzugehen.
Als Prostituierte gemeldet
Um Sexualbegleiterin zu werden, hat Alba sich fortgebildet. Sie hat keine staatlich anerkannte Ausbildung zur Sexualbegleiterin. „Die gibt es auch gar nicht“, sagt die 48-Jährige. In Workshops und Seminaren hat sie gelernt, wie sie Menschen mit Beeinträchtigung beim Ausleben ihrer Sexualität unterstützen kann. Diese Unterstützung reicht von beratenden Gesprächen über Anleitungen zur Selbstbefriedigung bis zu erotischen Massagen.
Laut Gesetz prostituiert sich die 48-Jährige, denn für jede Begegnung wird Alba bezahlt. „Ich verrechne aber nicht pro Stunde, sondern lasse mir jede Begegnung bezahlen.“ Einen bestimmten Akt oder eine Dienstleistung könne man bei ihr nicht kaufen. Oftmals nimmt sich die Goldenstedterin einen ganzen Tag Zeit für ihre Begegnungen, die Treffen dauern oft mehrere Stunden. „Mit mir verbringt man Momente, in denen wir die Welt der Sexualität und Berührung gemeinsam entdecken.“
Wie viele Prostituierte ihr Angebot auch an Menschen mit Behinderung richten, ist nicht erfasst. In dem Internetportal, in dem der erste Kontakt zwischen Niklas und Alba stattgefunden hat, werden 240 Personen gelistet. Alba ist eine davon, sie findet: „Das, was ich mache, müsste es viel häufiger geben.“ In Goldenstedt hat es sich längst rumgesprochen, warum Alba wöchentlich in den Zug nach Hamburg steigt. „Ich bin überzeugt, das Richtige zu machen. Und das, was ich mache, müsste es viel häufiger geben“, sagt sie. „Ich stehe dazu, und meine Familie steht auch hinter mir“, betont sie.
Sexualität mit Behinderung
Was die Sexualbegleiterin anbiete, werde immer noch von vielen als Tabu angesehen, sagt Sexualberaterin Wiebke Hendeß.Aber Menschen mit Beeinträchtigung seien genauso vielfältig und individuell wie andere Menschen, heißt es aufseiten der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Der Fachverband setzt sich seit 1958 für Menschen mit einer Behinderung ein. Auf ihrer Internetseite schreiben sie: „Wie alle Menschen haben sie das Recht auf selbstbestimmte Sexualität.“
„Viele Menschen mit Behinderung, die ich berate, erzählen, dass es ihnen beim Kontakt zu einem Mann oder einer Frau um mehr geht als um Sex: Es geht um Liebe und Zuneigung“, sagt Sexualberaterin Wiebe Hendeß im Gespräch. Alba geht sogar noch einen Schritt weiter: „Der sexuelle Höhepunkt wird meistens gar nicht gewünscht.“
Das erklärt auch Lothar Sandfort. Sandfort ist Psychologe und Leiter des Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter, einer Sexualberatungsorganisation mit Sitz im niedersächsischen Trebel. Es stelle sich oft heraus, dass Menschen mit Behinderung lieber nur Streicheleinheiten haben wollen und keinen Sex, berichtet der Psychologe.
Zuneigung spüren
Alba nimmt sich für jede ihrer Begegnungen Zeit. So auch für Niklas, der jetzt zum ersten Mal körperliche Nähe spürte. Auch Niklas findet: „Für jeden Menschen sollte ein selbstbestimmtes und erfülltes Sexualleben möglich sein. Auch für Menschen mit einer Behinderung.“
