Oldenburg - Die Szene kurz vor der Pause stand sinnbildlich für eine missratene erste Halbzeit. Angie Geschke leistete sich im Angriff einen haarsträubenden Ballverlust. Und während die Nationalspielerin in Diensten des VfL Oldenburg mit den Schiedsrichtern diskutierte, schnappte sich Nantes’ Spanierin Pauline Coatanea den Ball, sprintete auf die alleingelassene VfL-Torfrau Madita Kohorst zu und schloss den Tempogegenstoß erfolgreich ab.
Statt 12:18 stand es nach 30 Minuten zum Auftakt der Gruppenphase im EHF Pokal zwischen dem Handball-Bundesligisten aus Oldenburg und den Französinnen Nantes Loire bereits 11:19 – und wohl nur die kühnsten Optimisten unter den 812 Zuschauern in der kleinen EWE-Arena glaubten noch an eine Wende.
Sie blieb aus. Der VfL steigerte sich zwar im zweiten Durchgang, der 37:30-Sieg von Nantes geriet aber nie Gefahr. „Wir haben in der ersten Halbzeit zu viele Fehler gemacht und hatten eine so schlechte Rückwärtsbewegung wie selten“, fand Kohorst klare Worte. Die 20-Jährige war dadurch ständig im Mittelpunkt und hatte beim Stand von 4:9 nach 14 Minuten bereits fünf freie Würfe der Französinnen entschärft. An dem Torwart-Talent lag es fraglos nicht, dass die Gastgeberinnen so frühzeitig klar in Rückstand gerieten.
„Ich bin sehr unzufrieden, wir haben alles vergessen, was wir uns vorgenommen haben. Wir können uns bei Madita bedanken, dass wir nicht noch höher hinten lagen“, sagte VfL-Trainer Leszek Krowicki merklich angefressen.
Der französische Tabellenzweite war einfach eine Nummer zu groß an diesem Abend. Angetrieben von der Norwegerin Malin Holta (7 Tore), der Serbin Jovana Stoiljkovic (6) und der deutschen Nationalspielerin Isabell Klein (5) ließen die Gäste im zweiten Durchgang keine Spannung mehr zu. Geschke (8 Tore), Caroline Müller (6), und Co. hatten die Partie vor der Pause verloren.
„Ganz ehrlich, das soll keine Ausrede sein“, konstatierte die 31-jährige Geschke, „aber ich hatte heute unheimlich Probleme mit dem Ball. Egal, was ich gemacht habe, es kam kein Druck dahinter.“
„Wir haben nicht konsequent genug im Angriff gespielt. Tempo und Timing haben gefehlt“, kritisierte indes Krowicki. Dass sein Team nur drei Tage zuvor beim 36:24-Auswärtssieg bei HC Leipzig eine ganz andere Seite zeigte, rang dem 59-Jährigen nur ein müdes Lächeln ab. „Ich mache das jetzt seit 30 Jahren. Es kann sich in ein paar Stunden alles ändern“, sagte Krowicki.
Einfach macht es der Fehlstart in die Gruppenphase für den VfL nicht, nun noch einen der ersten beiden Plätze in der Gruppe A mit Nantes, Randers HK (Dänemark) und IK Sävehof (Schweden) zu erreichen. „Sävehof ist für mich der Favorit. Sie sind überraschend in der Champions League gescheitert“, sagte Kohorst noch nicht in dem Wissen, dass die Schwedinnen am Sonntag ihr Heimspiel gegen Randers ebenfalls deutlich mit 21:27 verlieren sollten. Der Druck vor der Auswärtspartie am Samstag (14 Uhr) bei den siegreichen Däninnen ist dementsprechend jetzt schon groß. „Ich denke, wir müssen beide Partien gegen Randers gewinnen, um eine Chance zu haben“, so die Torfrau.
Ganz so weit wollte Krowicki nicht vorausdenken. An diesem Mittwoch (20 Uhr) steht beim TuS Metzingen erstmal das Pokal-Viertelfinale an. Gegen den Bundesliga-Zweiten hatten die Oldenburgerinnen erst zum Jahresende daheim mit 25:31 verloren. „Da müssen wir uns steigern“, betonte der Trainer – aber im Handball kann sich ja in wenigen Tagen vieles ändern. Leszek Krowicki weiß, wovon er redet. Er hat es schließlich selbst am Samstag erlebt.
