Gummersbach/Oldenburg - Die Grande Nation steht kopf, und das Mutterland des Handballs kann nur noch brav gratulieren. „Diese Weltmeisterschaft ist aus deutscher Sicht natürlich bitter verlaufen. Bei dem Potenzial, was wir haben, war sicher sehr viel mehr drin“, lautet das ernüchternde Fazit des früheren Bundestrainers Heiner Brand (64). Das blamable WM-Aus von Titelaspirant und Europameister Deutschland schon im Achtelfinale poppte nicht nur beim Gummersbacher am Sonntagabend wieder auf.
Als Gastgeber Frankreich nach dem 33:26-Finalsieg über Norwegen in Paris ausgiebig den sechsten WM-Titel feiern durfte, schalteten desillusionierte deutsche Handballer fernab der Entscheidung gerade den Livestream im Internet ab.
„Die Jungs wissen auch: Die Chance war da“, meint Brand, um gleich im nächsten Satz zu betonen: „Und die Möglichkeit wird wieder kommen. Mit diesen Torleuten und dieser Abwehr verfügt die Nationalmannschaft über eine großartige Basis.“
In Frankreich hatten Uwe Gensheimer und Co. ihre Basis wohl überstrapaziert, und ihre WM-Chance nach Meinung von Brand so leichtfertig verspielt. „Manchmal ist es nur ein ganz schmaler Grat zwischen sehr viel Selbstvertrauen und zu viel Selbstüberschätzung“, meint Deutschlands Handball-Legende mit Blick auf die 20:21-Niederlage im Achtelfinale gegen Katar. Das Team von Dagur Sigurdsson war sich seiner Sache offenbar zu sicher, was sich gegen die taktisch gut eingestellten Kataris in den Schlussminuten rächte.
Die Franzosen mit ihrem Superstar Nikola Karabatic seien ein würdiger Weltmeister, keine Frage, so Brand, große handballerische Akzente hätten die Gastgeber aber nicht gesetzt. „Ich habe kein überragendes Niveau bei dieser WM registriert. Frankreich hat doch einen sehr einfachen Handball gespielt und konnte sich dabei auf viel Power aus dem Rückraum verlassen“, analysiert Brand.
Anders als in Deutschland wurde die Handball-WM in Frankreich live im Fernsehen gezeigt. Das Endspiel sahen in der Spitze bis zu zehn Millionen TV-Zuschauer. „Ich habe das Gefühl, ich bin auf einem anderen Planeten“, sagte der zum MVP der WM gewählte Karabatic, während knapp 16 000 Menschen in der Pariser Arena voller Inbrunst die Marsellaise schmetterten.
In das Allstar-Team des Turniers schaffte es erwartungsgemäß kein Deutscher. Weltmeister Frankreich stellt in Torwart Vincent Gerard und Rückraumspieler Nedim Remili zwei Akteure. Vom Vize-Weltmeister Norwegen schafften Rückraum-Ass Sander Sagosen, Rechtsaußen Kristian Bjørnsen und Kreisläufer Bjarte Myrhol die Aufnahme in die Eliteauswahl.
Überhaupt die Norweger: Die Skandinavier durften nur dank einer Wildcard des Weltverbandes IHF bei der WM mitspielen und verloren nur zwei Partien – beide gegen Frankreich. „Ihr Trainer Christian Berge macht seit Jahren einen guten Job. So weit vorn habe ich das Team allerdings nicht unbedingt erwartet“, überlegt Brand, der sich für Deutschland ein schnelles Ende der Trainerdiskussion wünscht.
Nach dem Wechsel von Bundestrainer Sigurdsson nach Japan ist der Posten aktuell verwaist. Das öffentliche Tauziehen um die Nachfolge zwischen Christian Prokop und Markus Baur hatte Brand zuletzt mehrfach bemängelt. So gäbe es eben auch einen Verlierer. „Das hätte man sich, den Clubs und den Kandidaten besser erspart“, kritisiert Brand den Deutschen Handball-Bund. Er selbst will sich auf keinen Kandidaten festlegen. Nur so viel: „Wir werden wieder einen starken Trainer mit einer starken Mannschaft haben.“
