Zagreb - Das Telefon klingelte um zwei Uhr nachts. Finn Lemke erholte sich gerade von den Strapazen des Trainingslagers mit seinem Handball-Club MT Melsungen auf Fuerteventura, als am anderen Ende der Leitung der Bundestrainer Christian Prokop vorsprach und den Abwehrchef über seine EM-Nachnominierung informierte. Lemke packte sofort seine Koffer.

„Ich freue mich sehr“, sagte Lemke kurz vor seinem Abflug nach Zagreb. Schon im Endspiel der deutschen Handballer um den Gruppensieg gegen Mazedonien an diesem Mittwoch (18.15 Uhr/ARD) wird der 25-Jährige für das deutsche Team auflaufen.

Nur zehn Tage zuvor war der gebürtige Bremer, mit dem die DHB-Auswahl vor zwei Jahren in Polen sensationell den EM-Titel geholt hatte, von Prokop aus dem Kader gestrichen worden. Auch innerhalb der Mannschaft hatte das für heftige Diskussionen gesorgt. Nun die Rolle rückwärts vom Bundestrainer.

„Finn bringt uns mehr Qualität. Die Gegner haben viel Respekt vor ihm. Er genießt international ein hohes Ansehen“, sagte Hendrik Pekeler, Lemkes kongenialer Partner im Mittelblock beim Sensations-Triumph von Krakau 2016, und machte aus seiner Freude und Erleichterung keinen Hehl.

Pekeler und seine Mitspieler erfuhren bei einer eilig einberufenen Teamsitzung am Dienstag von der Entscheidung. „Jetzt haben wir unseren erfahrenen Abwehrchef zurück. Wir brauchen einfach ein bisschen mehr Routine, etwas mehr Abgezocktheit. Ich freue mich sehr für Finn“, sagte Torhüter Andreas Wolff, drittes Mitglied des schier unbezwingbaren Abwehrbollwerks von vor zwei Jahren.

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Hände so groß wie Bratpfannen, eine Spannweite wie ein Albatross: Lemke ist allein mit seiner imposanten Erscheinung für die meisten Gegner furchteinflößend. Seine Blockarbeit sucht angesichts einer Körpergröße von 2,10 Meter im internationalen Handball ihresgleichen. „Ich möchte der Abwehr noch mehr Körperlichkeit geben“, begründete Bundestrainer Prokop am Dienstag die unerwartet frühe Rückholaktion. Und auch wegen seiner Emotionalität gilt Lemke in der Nationalmannschaft zuletzt als eine der tragenden Säulen.

„Er ist ein Top-Spieler, das haben wir immer gesagt. Er ist riesengroß und mit seinen Emotionen einer der Eckpfeiler“, sagte Wolff: „Er wird uns weiterhelfen.“

Lemke wird am Mittwoch sein 60. Länderspiel für Deutschland bestreiten. „Finn ist voll motiviert und hungrig auf die EM. Er wird uns mit Sicherheit sofort helfen“, sagte Bob Hanning, Sportchef des Deutschen Handballbundes. Keeper Silvio Heinevetter warnte indes vor zu hohen Erwartungen: „Wir sollten Finn nicht als Heilsbringer sehen.“ Nach den gegen Slowenien (25:25) gezeigten Leistungen „muss sich jeder erst mal auf sich konzentrieren“.

Mazedoniens Ausnahmekönner Kiril Lazarov habe wohl schon „schwitzige Hände“, vermutet indes Ex-Nationalspieler Dominik Klein, der gemeinsam mit Lazarov beim französischen Topclub HBC Nantes spielt: „Mit Finn Lemke kommt der nicht zurecht. Das ist die Personalie, die ihm nicht schmecken wird.“