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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Handwerk

Korbflechten: Behände vom Weidenzweig zur Augenweide

28.03.2020

Harpstedt Korbflechter gab es früher in fast jedem Dorf. Heute muss man sie suchen. Und Korbflechter, die wie Christoph Martin in einem richtigen Handwerksbetrieb ausgebildet worden sind, gibt es höchstens noch eine Handvoll in ganz Niedersachsen! „Flechtwerkgestalter“ werden sie jetzt genannt. Weil es in diesem selten gewordenen Beruf nicht nur um handwerkliches Können sondern auch um viel Kreativität geht. Christoph Martin trifft man deshalb am besten auf einem der ausgewählten Kunst-Handwerkermärkte bei uns im Nordwesten. Oder konkret in Beckstedt, einem Teil von Colnrade in der Samtgemeinde Harpstedt, wo ich ihn in seiner Werkstatt besuche.

Ziemlich kalt ist es an diesem Frühjahrsmorgen in der alten Scheune auf dem Bauernhof. „Gut für die Weidenruten, dann halten sie länger“, weiß Martin. Er ist bereits bei der Arbeit. Vor ihm, auf dem Tisch, liegt der geflochtene Boden für einen Korb. Jetzt spitzt er mit einem Messer einige Weidenzweige an, die als „Staken“ in das Geflecht geschoben, später nach oben gebogen werden und als Grundgerüst für den Rumpf des Korbes dienen sollen.

Hier gibt’s Körbe

Fix und fertig direkt bei Christoph Martin aus seiner Werkstatt in Beckstedt/Colnrade (Terminabsprache unter Tel. 0178 2184 754)

Selbermachen: Der Flechtwerkgestalter bietet im Weidenzentrum Paddingbüttel Kurse im Korbflechten an.

    flechtartundgartenwerk.de

    weidenzentrum.de

Viel Werkzeug braucht er nicht für sein Handwerk. Messer, verschiedene Pfrieme zum Vorstechen, Scheren zum Ausputzen der überstehenden Enden und ein Schlageisen, mit dem er das Flechtwerk immer wieder verdichtet. „Aber das Wichtigste sind meine Hände“, sagt er und lacht.

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Ich schaue mich um. Mindestens drei Dutzend Weidenbündel lehnen an den Wänden. Viele in wunderschönen Farben, von olivgrün, gelb, orange über rötlich braun bis bläulich-weiß bereift. Kaum zu glauben, aber es gebe über vierhundert verschiedene Weidenarten, erfahre ich. Nicht alle seien zum Flechten geeignet. „Ich selbst verwende gern die Purpurweide, den Roten Belgier oder Kaspische Weiden“, er schmunzelt, „und natürlich die Amerikaner-Weide.“ Eine kuriose Geschichte gibt es gleich dazu. Ein schlesischer Korbmacher soll die spezielle Art einst in Amerika entdeckt haben. Da er sie nicht ausführen durfte, hat er ein Körbchen daraus geflochten und ist damit über „den großen Teich geschippert“. Zuhause hat er sein Werk wieder auseinander genommen und aus den Stecklingen Bäume gezogen. Seitdem gehört die einstige „Schmugglerware“ zu den beliebtesten Flechterweiden in Europa.

„Der schönste Beruf“

Christoph Martin erzählt gern von seinem Handwerk. Korbmacher, oder besser Flechtwerkgestalter, ist für ihn der schönste Beruf der Welt. Die längste Zeit hat er als Gärtnermeister im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet. Schon damals reizte es ihn, die Naturarbeiten mit dem Handwerklichen und Kreativen zu verbinden. Nach ersten Erfahrungen im Flechthandwerk entschloss er sich, das Ganze zu professionalisieren. Allerdings gibt es für diesen Nischenberuf in Deutschland nur eine einzige staatliche Berufsfachschule, und zwar im bayerischen Lichtenfels. Ausbildungsbetriebe? So gut wie keine. Denn: „Welcher Korbmachermeister kann sich angesichts der Verdienstmöglichkeiten heute noch einen Auszubildenden leisten?“

Aber Martin hatte Glück. Im westfälischen Korbmacherdorf Dahlhausen fand er einen Lehrmeister, der ihm das praktische Rüstzeug gab, das ihm die Schule so nicht hätte bieten können. Es war eine kleine Sensation, als er 2017 – als einziger Korbmacherlehrling in Deutschland – seine Prüfung vor der Handwerkskammer ablegte – mit „Sehr gut“.

Alles in Handarbeit

Inzwischen „steht“ das Korbgerippe. Der 53-jährige nimmt einen Pfriem zur Hand und fixiert das Gebilde damit auf dem Arbeitsbrett – praktisch, jetzt lässt es sich mühelos drehen. Die eigentliche Flechtarbeit beginnt. Zunächst die Fuß- und die Rumpfkimme, zwei starke Ränder aus gewundenen Weiden, welche die Basis stabilisieren. Dann das Schichtgeflecht für den Bauch. Bei Martin sieht das mühelos aus. Doch das Flechten der störrischen Ruten ist ein echter Kraftakt für die Hände. Es erfordert viel Fingerspitzengefühl, damit die Weiden beim Biegen nicht brechen. Hat der Korb die gewünschte Höhe erreicht, folgen Abschlusskimme und oberer Rand, der so genannte Zuschlag.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Techniken in einem einzigen Stück! „Flechtwaren aus Weide können bis heute nicht maschinell hergestellt werden,“ sagt er. Zumal jede Rute anders sei. Jeder Korb ist deshalb reine Handarbeit. Auch das Billigprodukt aus dem Baumarkt. Doch natürlich gibt es Unterschiede! Ein in bester Tradition geflochtenes Stück hält bei guter Pflege ewig. „Ich habe noch einen Wäschekorb meiner Uroma. Der ist über hundert Jahre alt,“ bestätigt mein Gesprächspartner.

Martin experimentiert gern. In den Regalen stehen Körbe, Taschen und Rucksäcke in außergewöhnlichen Formen und Farben, mal mit und ohne Deckel, manchmal schief und asymmetrisch, kombiniert mit Leder, Baumrinde und anderen Materialien. Echte Renner sind seine Einkaufskörbe mit ergonomischem „Hüftschwung“ oder der Frühstückskorb mit Blümchenvase.

Zahllose Vorbilder

Die verschiedenen Flechtstile faszinieren ganz besonders. „Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten der Gestaltung“, er zeigt mir einige Beispiele seiner Kunst. Die grazile Spiraltechnik aus Burkina Faso, die französische Perigord-Flechtart, Zarzo aus Spanien, den irischen „donkey-basket“ oder Nansa, eine uralte mediterrane Technik, bei der die Weiden nicht geflochten sondern mit einer Schnur verbunden werden. Manufakte, die hierzulande unüblich sind, „die für mich aber eine besondere Schönheit besitzen.“

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