Auf die Frage, was ihm an seinem Beruf besonderen Spaß macht, zögert Renke Luers kurz. Dann kommt eine Antwort, die man von einem Fleischergesellen nicht unbedingt erwarten würde: Vielfalt, Kreativität und der Umgang mit Menschen bereiten ihm Freude, sagt der frischgebackene Kammersieger. Im väterlichen Betrieb erhielt er schon als Kind früh einen Einblick: „Das war genau mein Ding. Für mich wäre nie ein anderer Beruf in Frage gekommen“, betont der junge Westersteder.

Seine Begeisterung für einen der ältesten Handwerksberufe ist vielleicht einer der Gründe, warum Renke Luers die beste Prüfung im Kammerbezirk ablegte. „Ein gutes Ergebnis habe ich schon erhofft, mit dem Kammersieg aber nicht gerechnet“, gesteht er. Wer seine Vita kennt, ist vielleicht weniger überrascht als er selbst. Lange vor seiner Lehre lernte er die Feinheiten des Berufs: „Als Schüler war ich praktisch ständig im Betrieb“, erinnert er sich. Dort half er, wo Not am Mann war.

Aber er hatte auch Spielraum für die eigene Fantasie. Beispielsweise den misslungenen Versuch einer Mortadella-Gummibärchen-Kreation, die die Geschmacksnerven arg strapazierte: „Hier trafen die süßen Gummibärchen auf den würzigen Geschmack der Mortadella, was gar nicht passte“, lacht sein Vater Malte Luers noch heute über den Beleg der These, dass Theorie und Praxis nicht immer Hand-in-Hand gehen.

„Aber man muss natürlich auch mal neue Wege gehen, etwas probieren“, weiß der Westersteder Fleischermeister. „Deshalb sind für diesen Beruf gute Geschmacksnerven ebenso wichtig wie die Liebe zum Produkt und die Liebe zum Tier,“ unterstreicht Malte Luers. Er hat den Betrieb vom Vater übernommen und setzt konsequent auf Qualität und Tierschutz: „Guter Geschmack ist eben kein Zufall. Wenn Fleisch und Wurstwaren schmecken sollen, dann muss die Rohware stimmen“, bestätigt Sohn Renke, der seine Lehre auch deshalb im väterlichen Betrieb abschloss, weil dort noch geschlachtet wird. „Vorher war ich zwei Jahre in einem befreundeten Betrieb. Jeder hat seine Handschrift, und ich wollte mich während der Ausbildung umsehen“, erläutert der Kammersieger.

Die eigene Schlachtung ist für den Westersteder Handwerksbetrieb eine wichtige Grundlage für besondere Qualität. „Unser Rindfleisch kommt bei uns momentan ausschließlich vom Limousin-Rind, das sich durch eine feine Faser und guten Eigengeschmack auszeichnet“, erläutert Malte Luers. „Alle Tiere werden auf dem Hof Renke Specht in Muttertierhaltung aufgezogen.“ Das bedeutet beim Schlachten kurze Wege und wenig Stress für die Tiere. „Selbst die Schweine sind beim nächtlichen Entladen ruhig.“ Tierschutz, der dem Geschmack zugute kommt, weil vor der Schlachtung kein bzw. sehr wenig Adrenalin ausgeschüttet wird. Nur noch wenige Fleischer leisten sich einen eigenen Schlachtbetrieb. „Im Ammerland gibt es noch drei Schlachtbetriebe“, weiß Malte Luers. Die Voraussetzungen sind hoch und erfordern Investitionen in sechsstelligen Bereichen, um die verschärften EU-Normen zu erfüllen. Hart für die Handwerksbetriebe, Sicherheit für den Verbraucher. Die meisten Vorschriften dienen der Hygiene und sorgen für Transparenz über Jahre. Zum Nachweis einer lückenlosen Kühlkette etwa werden alle Temperaturdaten von den Kühlräumen 24 Monate lang gespeichert.

Renke Luers kennt die Herausforderungen des Berufs. Trotzdem ist sein beruflicher Weg vorgezeichnet: die Schlachterei Luers in der dritten Generation fortzuführen. Eine klare Ansage, die man nur machen kann, wenn man das Handwerk und die Arbeit liebt: Die 40-Stunden-Woche ist ein Fremdwort. „Die Familie arbeitet häufig sieben Tage, weil an den Wochenenden Partyservice angesagt ist. Von der Zubereitung der Speisen bis zum Grillen vor Ort. Aber das macht mir Spaß, das bin ich seit Jahren gewohnt“, sagt der junge Geselle.

Klaus Schmidt