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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Vom TV-Duell ins Bierzelt

05.09.2017

Auf die Stadtkapelle Berching kann Martin Schulz schon mal bauen. „Wir fangen an mit unserem Fest-Jubel-Marsch“, ruft der Dirigent, als der SPD-Kanzlerkandidat am Montag ins SPD-Festzelt auf dem Gillamoos-Volksfest im niederbayerischen Abensberg einzieht. Und tatsächlich, als Schulz auf eine Bierbank steigt und in die Menge winkt, brandet erstmals ein wenig Jubel auf.

Gut zwölf Stunden nach seinem TV-Duell mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Schulz das Fernsehstudio in Berlin-Adlershof gegen das stickige Bierzelt in Abensberg eingetauscht. In benachbarten Zelten reden zeitgleich die Spitzenkandidaten von FDP und Grünen, Christian Lindner und Cem Özdemir, sowie CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg.

Voll auf Angriff

Schulz, so scheint es, ist froh darüber, nach dem starren Korsett des TV-Duells wieder „normalen“ Wahlkampf machen zu dürfen – und vor allem: mit seinen zentralen Themen. Und so schaltet er in seiner knapp einstündigen Rede voll auf Angriff. „Was gestern klar geworden ist: Es gibt jemanden, der will die Vergangenheit verwalten, der heißt Angela Merkel. Und es gibt jemanden, der will die Zukunft gestalten, und der heißt Martin Schulz.“ Die SPD stehe für Aufbruch.

Und dann greift er all die Themen auf, die im TV-Duell zu kurz gekommen sind: Bildung, Gerechtigkeit, Arbeitsmarkt, Wohnungspolitik. Deutschland sei ein reiches Land, aber es seien „nicht alle Menschen in diesem Land reich“. Schulz kündigt unter anderem an, er werde als Kanzler in den ersten 100 Tagen dafür sorgen, dass alles unternommen werde, die ungleiche Bezahlung zwischen Männern und Frauen zu beenden. „Die Leute wissen schon, wer für Gerechtigkeit im Lande sorgt“, ruft er.

Die SPD-Anhänger im Zelt jubeln „ihrem“ Martin zu. Wenigstens im vorderen Bereich des Zeltes wehen auch viele SPD-Fahnen – weiter hinten, sozusagen beim „normalen“ Gillamoos-Publikum, sieht es mit Fahnen und Stimmung schon wieder mauer aus. Tatsächlich scheinen Schulz’ Chancen auf Merkels Erbe inzwischen relativ gering: Lag die SPD vor einem halben Jahr in Umfragen noch ungefähr gleichauf mit der Union, betrug der Abstand zuletzt plus/minus 15 Prozentpunkte.

Schulz setzt seit Längerem darauf, in den drei Wochen bis zur Wahl die noch unentschlossenen Wähler auf seine Seite zu ziehen. Die Umfragen nach dem Duell zeigen kein eindeutiges Bild, welchen Eindruck Merkel und Schulz bei jenen hinterlassen haben, die angeblich noch nicht wissen, für wen sie sich entscheiden werden. So hat Schulz laut ZDF bei Befragten mit noch unsicherer Wahlabsicht für 29 Prozent den besseren Eindruck hinterlassen, für 25 Prozent war es Merkel. Laut ARD fanden 48 Prozent der Unentschiedenen Merkel überzeugender, Schulz nur 36 Prozent.

Tauber mahnt

Während Schulz gleich weiter im Wahlkampf durchstartet, gibt Merkel in Berlin beim Diesel-Gipfel einmal mehr die Krisenmanagerin. Dem Eindruck, der Wahlkampf sei nach dem Duell nun endgültig gelaufen, wird am Montag energisch widersprochen. „Die Bundestagswahl ist am 24. September um 18 Uhr entschieden – nicht früher“, sagt CDU-Generalsekretär Peter Tauber dieser Zeitung. „Deshalb werden wir in den verbleibenden Tagen weiter auf die Marktplätze und an die Haustüren gehen und um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger bitten. Es kommt am Ende auf jede Stimme an.“ Tiefstapeln statt Aufatmen.

Über ein „großkoalitionäres Therapie-Gespräch“ beklagt sich Linken-Parteichef Dietmar Bartsch über das Duell. „Szenen einer alten Ehe“ will FDP-Chef Lindner beobachtet haben. „Das Rennen um Platz Eins ist gelaufen“, sagt er dieser Zeitung.

Doch Schulz kämpft. 2013, bei seiner Premiere auf dem Gillamoos, war er noch der Ersatzmann gewesen. Da war er für den damaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück eingesprungen, der seinen Auftritt kurzfristig abgesagt hatte. Heute aber steht Schulz im Blickpunkt. Er soll es richten. „Er ist der bessere Kanzler, dafür lasst uns kämpfen“, ruft der bayerische SPD-Spitzenkandidat Florian Pronold.

Und auch die Kapelle müht sich ab und verabschiedet Schulz nachher tatsächlich mit dem Stück „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“. Vorher aber musste Schulz versprechen, nächstes Jahr wiederzukommen – wenn er denn zum Kanzler gewählt wird.

Tobias Schmidt Korrespondentenbüro Berlin
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