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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Experten-Streit über Geflügelpest spitzt sich zu

25.03.2017

Insel Riems /Im Nordwesten Nur die Vögel haben immer Zugang. Die einen, vor allem Möwen, kommen freiwillig übers Wasser, landen am Strand oder auf dem Institutsdach. Die anderen, derzeit vor allem Greifvögel, müssen den schmalen Damm vom Festland nehmen: per Kurierwagen, doppelt eingeschweißt im bruchsicheren Karton – Verdacht auf Geflügelpest.

„Tierseuchensperrbezirk“ steht auf dem Schild am Inseleingang, „unbefugter Zutritt verboten“. Die Straße endet vor der Südwache. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) kann man nicht einfach besuchen, Stahlzaun und Wachmann schützen einen Sicherheitsbereich. Hinten im Neubautrakt liegen Labors bis zur Sicherheitsstufe 4: Schleusen, Duschen, Schutzanzüge, ein kompliziertes Unterdrucksystem, strenge Quarantäneregeln.

Aber heute empfängt der FLI-Präsident, Prof. Dr. Dr. Thomas Mettenleiter, 60 Jahre alt, die Presse. Das kommt nicht sehr häufig vor, räumt er ein, aber er möchte ein paar Dinge klarstellen, nämlich: dass sein Institut „nicht die obere Tierseuchenbekämpfungsstelle in Deutschland“ ist, dass es nicht seine Mitarbeiter sind, „die diese Entscheidungen treffen“, dass „Wissenschaft nicht immer in Zwei-Sekunden-Statements zu vermitteln“ ist.

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Anders gesagt: Das FLI, das seit 1910 weit entfernt von den Augen der Öffentlichkeit auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden forscht, wehrt sich gegen die Rolle des Bösewichts, die es in der aktuellen Geflügelpest-Diskussion zunehmend besetzt.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Rolle der Behörden

Ein sachlicher Blick aufs FLI: Wissenschaftsbetrieb, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, nationales Referenzlabor für anzeigepflichtige Tierseuchen. Sein Präsident: ein Biologe und Virologe.

Laut Tiergesundheitsgesetz, Paragraf 27, Absatz 2, ist das FLI auch zuständig für die „Erstellung von Risikobewertungen auf dem Gebiet der Tierseuchenbekämpfung“. Wenn das FLI feststellt, dass der Geflügelpest-Erreger H5N8 durch Wildvögel weitergetragen wird, und das Institut deshalb eine Aufstallung von Geflügel empfiehlt, ist das in der Tat keine „Entscheidung“. Es ist auch nicht verbindlich für Landes- und Kreisbehörden. Es kann aber zu Entscheidungen führen: zum Beispiel zu einer Aufstallpflicht, angeordnet von den unteren Tierseuchenbekämpfungsstellen in den Landkreisen. So geschehen überall in Niedersachsen.

In den vergangenen Wochen haben sich viele Kritiker zu Wort gemeldet, die die Wildvogeltheorie für falsch halten. So rückte plötzlich das FLI in den Fokus vor allem der Hobbyzüchter, deren Tiere unter der Stallpflicht leiden.

Biosicherheit – was bedeutet das?

In der Gemeinde Garrel könnte der Erreger durch mangelnde Biosicherheitsmaßnahmen verbreitet worden sein. Gemeint sind damit etwa die regelmäßige Desinfektion von Fahrzeugen und Gerät, das Tragen von Schutzkleidung, die sichere Lagerung von Einstreu, das Fernhalten von Wild- und Haustieren. Das FLI hat knapp 100 Maßnahmen in einer Checkliste zusammengefasst:

Mehr Infos unter

Mehr Infos unterwww.fli.de

Ein zweiter Blick aufs FLI. Das Institut ist auch eine Bundesbehörde des Bundeslandwirtschaftsministeriums von Minister Christian Schmidt (CSU). Im Zentrum der FLI-Forschung stehen „die Gesundheit und das Wohlbefinden landwirtschaftlicher Nutztiere“, so heißt es auf der FLI-Homepage. FLI-Präsident Mettenleiter sitzt im Kuratorium der Tönnies-Stiftung, gegründet von Clemens Tönnies, dem größten Fleischproduzenten Deutschlands. Das FLI hat einen Förderverein, dem Gremium gehören Vertreter von Pharmakonzernen an, die Medikamente für die Landwirtschaft herstellen.

Wäre es also denkbar, dass das landwirtschaftsnahe FLI bei den Ermittlungen zur Vogelgrippe nicht landwirtschaftskritisch genug vorgeht?

Es gibt Leute, die genau das denken. Dr. Peter Petermann zum Beispiel.

Kritik am Vorgehen

Es regnet. Regen ist gut, denn dann ist Petermann zu sprechen: Er steht nicht draußen in der Natur, um vogelkundliche Gutachten zu erstellen; er sitzt zu Hause in Bürstadt, Südhessen. Petermann, 56 Jahre alt, Ornithologe, Mitglied im Wissenschaftsforum Aviäre Influenza, hat eine andere Theorie zur Vogelgrippe als das FLI. Er ist überzeugt: Es waren die Transportwege der Geflügelwirtschaft, die das Virus von Asien nach Europa trugen, und es sind auch die Transportwege der Geflügelwirtschaft, die das Virus jetzt von Stall zu Stall tragen.

Auf der Insel Riems zeigt Prof. Mettenleiter den Journalisten eine Karte. Sie dokumentiert die Fundorte von 1100 Wildvögeln, bei denen H5N8 nachgewiesen wurde, und sie zeigt die fast 60 kommerziellen Geflügelhaltungen, in denen der Virus ausbrach – in der Reihenfolge ihres Auftretens. „Wir haben keine primären Ausbrüche beim Nutztiergeflügel gesehen“, erklärt Mettenleiter: „Es war ein Wildvogelgeschehen am Anfang.“

In Bürstadt sagt Peter Petermann: „Ich sehe das anders.“

Er erinnert an den ersten Nachweis in Ungarn. Ein Höckerschwan auf einem Fischteich sei das gewesen, sagt Petermann, „kein Wildvogel“. In dem Fischteich seien Geflügelabfälle aus der Schlachtindustrie verfüttert worden.

Nach Ungarn dann ein Nachweis in Polen, „tote Reiherenten an einem See bei Stettin“, sagt Petermann. An dem See liege ein großer Geflügelschlachthof, der zur Wiesenhof-Gruppe gehöre.

Petermann fragt: Könnte es sein, dass der Virus nicht durch Wildvögel in die Ge­flügelwirtschaft gelangt sei, sondern durch die Geflügelwirtschaft zu den Wildvögeln?

Ein anderer Ansatz: Wenn infizierte Wildvögel das Virus verbreiten, wie das FLI glaubt, wenn das Virus also durch die Vögel selbst oder durch von infizierten Wildvögeln „kontaminiertes Material“ wie Schuhe oder Geräte in die Ställe getragen wird – müssten dann nicht kleine Privathaltungen und große gewerbliche Betriebe gleichermaßen von Ausbrüchen betroffen sein?

Verdächtige Zahlen

Der Verein Provieh aus Schleswig-Holstein hat eine – vom FLI bislang unbestätigte – Statistik erstellt. Auf Grundlage von Zahlen des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft und des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter rechnet Provieh mit rund 8000 gewerblichen und 180 000 privaten Haltungen. Das ergibt ein Verhältnis von 4 Prozent zu 96 Prozent. Die Ausbrüche verteilen sich anders: „Die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch in einem gewerblichen Geflügelbetrieb ist 66-mal höher als in einem privaten Geflügelbetrieb“, sagt Provieh. Die Schlussfolgerung des Vereins: „Die Verbreitung der Viren scheint ein internes Problem der Geflügelwirtschaft zu sein.“

Andere Quellen sehen das ähnlich. In Frankreich hält die französische Lebensmittelsicherheitsbehörde „Personen- und Fahrzeugverkehr“ für „die häufigsten Ursachen für die Virusverschleppung“.

In den USA ging 2015 der Erreger H5N2 um, Millionen Tiere mussten sterben. Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst hat eine Bilanz der Epidemie für die Universität Vechta gezogen. Er zitiert Auswertungen von US-Behörden, wonach „etwa 10 Prozent der Ausbrüche auf Infektionen durch Wildvögel zurückgeführt werden“ konnten. 90 Prozent hatten andere Ursachen: „zum Beispiel Kontakte durch Besucher, gemeinsame Nutzung von Geräten und Maschinen, Transporte von toten Tieren durch Lastkraftwagen, Schadnager und Windverdriftung der Viren“.

Lastkraftwagen, Windverdriftung? Peter Petermann hält die Transporte von verendeten Vögeln für das größte Risiko für die Virusverbreitung. „Wenn Federn in den Stall wehen, picken die Tiere danach, spielen damit, nehmen sie auf“, warnt er.

Noch eine Karte, diesmal vom Wissenschaftsforum Aviäre Influenza. Sie zeigt Wildvogelfundorte, sehr viele davon liegen entlang der Autobahnen. Für Petermann ein weiteres Indiz dafür, dass das Virus aus der Geflügelbranche zu den Wildvögeln gekommen ist. „Ich kenne aber keine einzige Veröffentlichung aus dem FLI, die sich mit den Handelswegen der Geflügelwirtschaft befasst.“

Fest steht, dass die Geflügelpest-Viren bei Hühnervögeln fast hundertprozentig zum Tod führen. Beim FLI auf der Insel Riems zeigen sie Fotos von verendeten Tieren: die Leber zerstört, Blutungen am Herzen, Nekrosen überall.

Ein Ausblick

Auf Riems scheint die Sonne. Sonne ist gut, denn wärmere Temperaturen und mehr Sonnenlicht setzen dem Virus zu, wissen die Experten. FLI-Chef Thomas Mettenleiter sagt aber auch: „Ich traue mir nicht zu, jetzt schon irgendeinen Trend abzuleiten.“

Biologe Petermann sagt in Bürstadt: „Mich ärgert, dass man nicht alle Möglichkeiten untersucht!“

Wie schwierig aber es ist, einen einmal eingeschlagenen Kurs zu korrigieren, zeigen die aktuellen Diskussionen im Landkreis Cloppenburg. Erstmals hat das FLI eingeräumt, dass die aktuelle Ausbruchsserie dort auf „Verschleppungen zwischen den betroffenen Betrieben“ zurückzuführen sei. „Da hat kein Wildvogel eine Rolle gespielt“, hieß es.

Die Reaktion folgte postwendend. Der Landkreis Cloppenburg polterte, das FLI „stochert im Nebel“. Der Niedersächsische Geflügelwirtschaftsverband schimpfte die Aussage eine „Unwahrheit“.

Peter Petermann schlägt vor: „Vielleicht müsste man das FLI entlasten. Eine Staatsanwaltschaft sollte die epidemiologischen Ermittlungen führen, und das FLI arbeitet als Labor zu. Die Labor-Analysen des FLI sind alle 1a.“

„Geflügelpest wird uns auch in Zukunft beschäftigen“, sagt Thomas Mettenleiter auf der Insel Riems. Die Forscher wissen: Influenza-Viren verändern sich ständig. Der Erreger H5N8 ist nicht gefährlich für Menschen. Andere Typen, etwa H5N1 oder H5N6, sind es sehr wohl.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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