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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

So fiel die Mauer im Fernsehen

03.11.2019

Berlin (dpa) - Es ist 19.30 Uhr. Die "Aktuelle Kamera" beginnt. Angelika Unterlauf, bekannteste Nachrichtensprecherin der DDR, liest die Nachrichten wie immer sachlich und emotionslos vor - zunächst als Überblick: "Beschluss: SED-Parteikonferenz Mitte Dezember./ Reisen: Neue Regelungen des Ministerrates./ Tagung: Volkskammersitzung am Montag./ Ausreisewelle: 48.000 DDR-Bürger seit 3. November in die BRD. ...."

Noch ist kaum zu erahnen, dass diese Sendung und der Abend Geschichte schreiben werden. Es ist der 9. November 1989. Ein Rückblick auf Nachrichtensendungen der großen TV-Sender im Osten und Westen Deutschlands an jenem Abend:

Die erste lange Nachricht der "Aktuellen Kamera" beginnt noch ganz im trockenen Stil des sozialistischen Staatssenders: "Das Zentralkomitee der SED hat heute auf seiner zehnten Tagung beschlossen, die 4. Parteikonferenz vom 15. bis 17. Dezember in Berlin durchzuführen. Sie hat das Ziel, die aktuelle Lage in der Partei und im Lande einzuschätzen, die Aufgaben zur weiteren Vorbereitung des zwölften Parteitages zu beraten und Veränderungen im Zentralkomitee zu beschließen."

Die aktuelle Lage im Land schreit nach Lösungen: Immer mehr Menschen verlassen die DDR, Tausende sind schon über die CSSR und Ungarn in den westlichen Teil Deutschlands übergesiedelt.

Angelika Unterlauf liest die zweite große Nachricht ihrer Sendung vor, während ein Foto von einer Pressekonferenz eingeblendet wird. "Über den heutigen Beratungstag informierte Günter Schabowski (Anm: SED-Politbüromitglied) am Abend die internationale Presse. Dabei gab er auch einen Beschluss des Ministerrates zu neuen Reiseregelungen bekannt. Demzufolge können Privatreisen nach dem Ausland ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden." Unterlauf liest alles im gleichen Ton, schaut meist auf den Zettel, zeigt keine Emotionen.

Die Bestimmung gilt bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung der Volkskammer. Die zuständigen Abteilungen der Volkspolizei sind angewiesen, auch Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen. Damit entfällt die ständige Ausreise über Drittstaaten.

Tausende Zuschauer schalten nun den Fernseher aus, steigen in ihren Trabi oder Lada, in die S-Bahn oder Straßenbahn - und haben ein gemeinsames Ziel: die deutsch-deutsche Grenze.

Die "Tagesschau" beginnt um 20 Uhr mit einer Deutschlandkarte - und der schriftlichen News "DDR öffnet Grenze". Sprecher Joachim "Jo" Brauner sagt: "Guten Abend meine Damen und Herren. Ausreisewillige DDR-Bürger müssen nach den Worten von SED-Politbüromitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschechoslowakei nehmen. Dies kündigte er am Abend vor der Presse in Ost-Berlin an." Dann folgt ein Beitrag von einem Reporter: "Die abendliche Pressekonferenz von Politbüromitglied Günter Schabowski plätscherte über eine Stunde so dahin - dann, ganz am Ende plötzlich das Thema Flüchtlingswelle und diese Mitteilung" - es folgt Schabowskis historische Mitteilung.

Die "Tagesschau" zeigt auch Autokolonnen an der Grenze zur BRD zur Tschechoslowakei. "Innerhalb von 24 Stunden kamen wieder mehr als
11 000 Übersiedler mit dem eigenen Auto, zu Fuß oder per Bahn über die Grenzübergänge der CSSR und Bayern. ... Die meisten der 140 Notaufnahmelager sind inzwischen voll belegt." Angesichts der vielen Übersiedler habe Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Bürger der DDR auf den akuten Wohnungsmangel in der Bundesrepublik aufmerksam gemacht, heißt es weiter, und: Jeder Übersiedler müsse damit rechnen, dass er auf längere Zeit wahrscheinlich schlechter wohnen werde, als er es in der DDR gewohnt gewesen sei.

Als das "heute journal" um 21.45 Uhr im ZDF beginnt, ist die "Aktuelle Kamera" erst rund zwei Stunden her. Die Nachrichtenkollegen im Westen zeigen gleich zu Beginn einen Ausschnitt aus der abendlichen DDR-Sendung. Dann heißt es: "Am Abend dann am Brandenburger Tor spontane Reaktion von Berlinern - sie rufen unentwegt: "Tor auf"." Ein DDR-Bürger am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße sagt zur Frage, ob er überrascht sei: "Nee, eigentlich nicht. War vorauszusehen, musste ja was kommen." 

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