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75 Jahre Pogromnacht: Als in der Region Synagogen brannten

09.11.2013

Oldenburg /Varel /Bremen Bei schummrigem Licht und Zigarettenrauch saßen am Abend des 9. November 1938 NS-Funktionäre in einem Lokal am Heiligengeistwall in Oldenburg zusammen. Zwei Tage zuvor hatte der polnische Jude Herschel Grynszpan in Paris den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath erschossen. Scharf diskutierten die Männer das Attentat, als Oldenburgs Kreisleiter Engelbart ans Telefon gerufen wurde. Am anderen Ende: Carl Röver, Reichsstatthalter für Oldenburg und Bremen. Er soll den Befehl zur Brandstiftung und Plünderung jüdischer Geschäfte und Synagogen im Nordwesten gegeben haben. Dokumente belegen, dass Engelbart nach Rövers Anruf die Kreisleiter im Gau Weser-Ems schnell darüber informierte, was den Juden im gesamten deutschen Reich als Rache für den Mord am Diplomaten vom Rath angetan werden sollte.

Am selben Abend brach eine skrupellose Gewaltwelle auch über die jüdische Bevölkerung im Nordwesten wie im Rest des deutschen Reichs herein. Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Fenster von Wohnhäusern jüdischer Nachbarn eingeworfen. In Jever, Varel, Cloppenburg, Delmenhorst, Emden, Oldenburg, Osnabrück und Bremen gingen Synagogen und jüdische Bethäuser in Flammen auf oder wurden zerstört. Die Feuerwehr schützte angrenzende Häuser – den jüdischen Mitbürgern half sie nicht.

Jüdisches Leben zerstört

An diesem Sonnabend vor 75 Jahren verloren die Juden im Nordwesten, die noch nicht ins Ausland geflohen waren, mit den Novemberpogromen die letzte Hoffnung auf Schutz und Integration in der deutschen Gesellschaft, der sie eigentlich angehörten. Die Nationalsozialisten sorgten in ganz Niedersachsen und im Reich für ein Inferno, das bis heute nachwirkt.

In Oldenburg zündete damals der Ortsgruppenleiter Fritz Richter die Synagoge in der Peterstraße mit Benzin an, Thorarollen und Gebetsräume verbrannten. Nur an der Eingangsseite blieben Mauerreste stehen. Die Gemeinde, der damals über 300 jüdische Oldenburger angehörten, wurde komplett zerstört.

Zu den ersten jüdischen Todesopfern der Pogromnacht gehörten im Nordwesten Adolph und Martha Goldberg aus Bremen. Der Arzt und seine Frau hatten seit der Jahrhundertwende Hilfsbedürftige im Stadtteil Burglesum unterstützt, wo Goldberg seit 1888 seine Arztpraxis betrieb. Martha Goldberg galt als großzügige Frau, kümmerte sich um mittellose Patienten, bekochte sie teilweise. Ihr Mann behandelte Patienten ohne Honorar, wenn sie nicht zahlen konnten. Seit die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, blieben immer mehr Patienten weg. 1938 verlor Goldberg seine Approbation.

Doch die gesellschaftliche und ökonomische Ausgrenzung der Goldbergs reichte den Nationalsozialisten nicht. Um 5 Uhr morgens schlugen SA-Männer an die Haustür. Aus dem Schlaf gerissen öffnete Dr. Goldberg die Tür. Sogleich schubsten die Schläger den 78-Jährigen in sein Wohnzimmer, zogen Martha aus dem Schlafzimmer – und erschossen beide. Wohltätigkeit und Großzügigkeit gegenüber Patienten, Freunden und Nachbarn – all das hatte keine Bedeutung, weil die Goldbergs Juden waren.

Sechs Todesopfer

Insgesamt sechs Menschen, davon fünf in Bremen und einer in Emden, wurden in der Pogromnacht im Nordwesten Opfer der SA-Trupps. Zwei weitere norddeutsche Todesopfer sind Ludwig Weiß aus Bremen (bis 1936 Textilkaufmann in Varel) und Sally Löwenstein aus Emden. Sie starben im Konzentrationslager Sachsenhausen, wohin die Nazis die in der Pogromnacht verhafteten 500 jüdischen Männer aus Oldenburg und Ostfriesland gebracht hatten.

An diesem Wochenende wird vielerorts der Novemberpogrome gedacht. Für Oldenburg haben Schüler und Lehrer der IGS-Flötenteich ein vielfältiges Programm zum Gedenken entwickelt. Viele von ihnen nehmen am Sonntag an dem Erinnerungsgang teil, der der 43 jüdischen Männer gedenkt, die vor 75 Jahren durch die Stadt getrieben worden waren, bevor sie nach Sachsenhausen kamen.

An der geplanten Einweihung einer Gedenkwand am früheren Standort der 1938 zerstörten Synagoge nimmt am Sonntag auch die jüdische Gemeinde Oldenburg teil. Nach dem Krieg lebten nur eine Handvoll Juden in der Stadt. 1992 wurde die jüdische Gemeinde neu gegründet und auch eine neue Synagoge errichtet. „Es hat lange gedauert bis das jüdische Leben wieder aufgeblüht ist“, sagt Jona Simon, Rabbiner der Gemeinde. Erst heute, 75 Jahre nach der Pogromnacht, nach den Gräueltaten des Holocaust zählt sie wieder über 300 Mitglieder.

Übergriffe auf jüdische Mitbürger am 9. November 1938 in der Region in einer Übersicht

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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