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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Auf die Flammen folgt die Wut

16.06.2017

London Ein schwarzes Gerippe ragt in den Londoner Sommerhimmel. Es qualmt noch. Selbst 30 Stunden danach. Vor dem Grenfell Tower suchen Menschen mit Fotos verzweifelt nach Hinweisen auf ihre Freunde, ihre Familie. Eine Mutter soll mit ihren sechs Kindern aus der Wohnung hoch oben geflohen – und mit nur vier Kindern unten angekommen sein. Viele Vermisste werden den katastrophalen Hochhausbrand im Londoner Stadtteil Kensington nicht überlebt haben. Die Flammen mögen nach Stunden gelöscht sein, doch dafür flammt in aller Verzweiflung Wut auf.

Mindestens 17 Menschen verloren ihr Leben. 37 waren am Donnerstag noch im Krankenhaus. „Wir erwarten, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigen wird“, sagt Stuart Cundy von der Londoner Polizei.

Niemand weiß, wie viele Menschen in dem 24-stöckigen Sozialbau waren, als in der Nacht zum Mittwoch das Feuer ausbrach. Niemand weiß, wie viele es raus schafften. Dass gerade Ramadan ist, könnte einigen das Leben gerettet haben. Sie waren zum Essen noch wach, als das Feuer ausbrach – und sollen auch Nachbarn aus dem Bett geholt haben.

Die Feuerwehr kann die oberen Stockwerke auch am Tag nach dem Feuer nicht gründlich durchsuchen. Die Ränder des Turms sind instabil. Wochen werde die Arbeit noch dauern, kündigt Feuerwehr-Chefin Dany Cotton an. Hat sie Hoffnung, noch jemanden lebend zu finden? „Es wäre ein Wunder.“

Anwohner und Angehörige stellen immer lauter die Frage nach der Schuld. Wie konnte es passieren, dass das Haus rasend schnell in Flammen aufging? Welche Rolle spielte die Fassadendämmung? Reichen die britischen Brandschutzbestimmungen aus? Premierministerin Theresa May ordnet eine unabhängige Untersuchung an. Oppositionsführer Jeremy Corbyn demonstriert Gefühl: Es gebe viele Hochhaus-Bewohner im Land. „Jede einzelne Person wird sich heute fragen: Wie sicher bin ich?“

Die Flammen hätten sich ungewöhnlich rasch ausgebreitet, sagt Cotton. Doch zu den Gründen dafür könne man noch nichts sagen, betont sie. Der mehr als 40 Jahre alte Apartment-Block mit 120 Wohnungen hatte keine Sprinkleranlage – obwohl er bis zum vergangenen Jahr noch renoviert wurde. In neueren Hochhäusern in Großbritannien sind Sprinkler Verwaltungsangaben zufolge vorgeschrieben, eine Pflicht zur Nachrüstung gibt es nicht.

„Der Feueralarm ist nicht angegangen, deshalb sind so viele jetzt tot“, sagt Bewohner Sitalih. Er habe es lebend aus dem 15. Stock geschafft, weil seine Frau das Feuer früh gerochen habe. Das Haus sei nicht sicher gewesen. Sitalih berichtet von offenen Leitungen und falschen Installationen. „Die Firma muss dafür bezahlen“, fordert er. „Sie haben diese Menschen umgebracht.“

Polizei und Feuerwehr warnen vor Spekulationen. Doch auch ihnen machen viele Vorwürfe. Sie hätten Bewohner aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben und nasse Handtücher unter die Türen zu legen statt zu fliehen.

Waren das Fehler? Kann man irgendjemandem die Schuld geben für Tod und Leid? Und warum brach das Feuer aus? Antworten wird es – vielleicht – in einigen Wochen geben. Die Bilder von verzweifelt winkenden, vom Feuer eingeschlossenen Menschen, von Kindern, die aus dem Fenster fallen gelassen werden, von einem verkohlten Gerippe im Londoner Sommerhimmel, die werden so schnell nicht aus den Köpfen verschwinden.

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