AUSCHWITZ - Am 27. Januar 1945, heute vor 64 Jahren, wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Auschwitz war das größte Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis. Allein hier wurden bis zu 1,6 Millionen Menschen umgebracht, vergast, erschossen, erschlagen, massakriert. Als die Russen in das Lager kamen, lebten oder besser atmeten noch 9000 Kranke.

Der Gang durch diese schreckliche Geschichte fällt schwer. Die junge Frau, sie mag 25 Jahre alt sein, führt uns durch die Räume des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Sachlich und sehr konzentriert, aber einfühlsam erklärt sie uns, was sich an den einzelnen Orten einst abgespielt hat und was es heute zu sehen gibt. Da sind die in riesigen Kästen hinter Glas gesammelten Brillen, Haarbürsten, Koffer mit den Namen der Besitzer, man sieht die Schuhe, darunter ein fast neuwertiges Paar mit Schnürsenkeln eines Kleinkindes. Sachen von Toten, von Opfern der NS-Schergen in der Fabrik des Todes.

„Polnisches Jerusalem“

Die Führung macht betroffen. Uns steckt während des Rundgangs ein Klos im Hals, während die junge, hübsche Dame – es widerstrebt uns, sie hier eine Führerin zu nennen – uns durch die Anlage des Schreckens leitet. Wir stehen vor der Todeswand, wo zuerst Polen und Russen per Genickschuss ermordet wurden. Wir stehen vor einem Bild, auf dem ein SS-Mann von hinten eine Frau erschießt, die versucht, ihr Kind in ihren Armen vor den Mördern zu schützen.

Wir fragen irgendwann die polnische Frau, woher sie komme. „Ich bin aus Auschwitz“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die überrascht, die uns sprachlos macht. Mein Gott, denken wir unwillkürlich. Und dann führt sie uns durch diese einstige Hölle. Sie schaut uns an und erwartet weitere Fragen.

Die Antwort, wie die Menschen in Auschwitz mit dieser Geschichte umgehen, wie sie damit leben, finden wir an anderem Ort und aus anderen Quellen. Die Bewohner, vor allem die jungen Menschen, wollen einfach leben und nicht jeden Tag zigmal die gleiche Frage beantworten: Wie haltet ihr das aus, an einem solchen Ort?

So ist das Auftreten der jungen Frau, der Führerin durch Auschwitz zu sehen. Selbstbewusst wirkt sie und fährt dann wie selbstverständlich mit ihren Erklärungen über das Lager fort. Dazu zählen auch Informationen über die Geschichte der Stadt Auschwitz, was polnisch Oswiecim heißt, eine Stadt mit einer jahrhundertelangen Historie. Die Stadt, die mal deutsch, dann wieder polnisch war oder österreichisch, war jüdisch geprägt und wurde einst auch das „polnische Jerusalem“ genannt. Jeder zweite Bewohner war Jude. Heute lebt nur noch ein Jude in Oswiecim. Heute ist es eine Industriestadt mit rund 55 000 Einwohnern. Die kleine Synagoge ist renoviert worden, der jüdische Friedhof wieder zugänglich.

„Arbeit macht frei“

Auschwitz heute. Die Jugend träumt von einem normalen Leben in einer gewöhnlichen Stadt – nach und ohne oder auch mit Auschwitz. Aber so einfach lässt sich diese Vergangenheit nicht abstreifen. Zumal das KZ-Gelände von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Mit Folgen: Ein Kloster musste geräumt werden, ein Diskobesitzer sein Etablissement schließen, da es sich zu nahe an der Jugendbegegnungsstätte befand. Ein Supermarkt durfte nicht vor der Gedenkstätte eröffnen.

Jährlich besuchen mehr als 500 000 Menschen aus über 90 Ländern diesen Ort. In diesem Vernichtungslager mit sechs Gaskammern und vier Krematorien wurden Menschen aus ganz Europa – in erster Linie Juden und die polnische Intelligenz – mit Zyklon B vergast. Und wer zunächst überleben durfte, wurde unter unvorstellbaren Bedingungen gefangen gehalten, gefoltert – und am Ende doch getötet durch Zwangsarbeit, durch Erfrieren, Verhungern, Erschöpfung, durch medizinische Experimente des berüchtigten Arztes Dr. Mengele und durch Exekutionen.

„Arbeit macht frei“ hieß die zynische Begrüßung, die heute noch über dem Lager-Eingang hängt. „Frei für den Schornstein“, wie es die Überlebenden sarkastischer nicht beschreiben konnten.

Gegen Mittag des 27. Januar 1945 hörten die letzten Überlebenden von Auschwitz Explosionen unweit des Lagers. Dann erschien ein Mann mit einem Gewehr und einem roten Stern auf der Mütze. „Die Russen, die Russen“, riefen die Überlebenden. Selten wohl sind Russen so begeistert und erleichtert begrüßt worden wie da. Die SS war zu diesem Zeitpunkt schon geflohen mit einigen Tausend Häftlingen. Andere wurden von SS-Leuten zuvor abgeknallt. Wie eine hochschwangere Frau, die sich in einen Graben geflüchtet hatte und dort ihr Kind zur Welt brachte. Der SS-Mann erschoss sie beide.