BERLIN - Wo ist sie? Wann kommt sie? Die Siegerin lässt sich lange bitten. Warten auf die Kanzlerin. „Angie, Angie, Angie!“, skandieren die jungen Frauen und Männer in den orangefarbenen Hemden des „Teams Deutschland“. Ein Hauch von Popkonzert: Der Star kommt spät, die Stimmung im Publikum steigt. Um 19.06 Uhr öffnet sich die Tür im Konrad-Adenauer-Haus. Tosender Jubel. Die CDU-Fans feiern ihre Kanzlerin. Minutenlanger Applaus und immer wieder Angie-Rufe.

„Liebe Freunde“, setzt Angela Merkel oben auf der Bühne immer wieder an. Doch das Parteivolk will erst einmal feiern. Ein Strauß Gerbera und Rosen für die CDU-Vorsitzende. Küsschen von Generalsekretär Ronald Pofalla. Schwarz/Gelb hat die Bundestagswahl gewonnen, die Balken der ersten Hochrechnungen auf den Monitoren sprechen eine klare Sprache. Das Zittern hat ein Ende. Erleichterung steht Merkel ins Gesicht geschrieben. „Wir haben was Tolles geschafft“, ruft Merkel den Wahlhelfern im Saal zu.

Wahlziel erreicht – dass sie für die Union das zweitschlechteste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik eingefahren hat, darüber verliert jetzt keiner in der CDU-Führung ein Wort. Hauptsache „eine stabile Mehrheit“ von CDU, CSU und FDP. Ende des Kapitels Große Koalition.

„Sie sind glücklich, ich bin es auch“, sagt Merkel, strahlt, wirkt gelöst und gibt sich gleich wieder staatsmännisch: „Mein Verständnis war es und mein Verständnis ist es, dass ich die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein möchte“, macht sie klar, dass sie auch in Zukunft nicht spalten und polarisieren wolle. Lob für die Helfer, Dank an die Wähler, „schöne Party!“, wünscht Merkel.

Gelb-blauer Taumel

Erleichterung auch bei den Liberalen. Geschafft! Rekordergebnis, Regierungsbeteiligung – es hat gereicht für die Liberalen. Guido

Westerwelle sieht sich am Ziel. Frenetischer Jubel hier bei der FDP-Wahlparty, wo die Liberalen das Ende von elf Jahren Opposition feiern. Der FDP-Chef und seine Führungsmannschaft im Rampenlicht. Stakkato-Applaus, Beifall, Euphorie. Gelb-blauer Siegestaumel. „So sehen Sieger aus“, singen die Liberalen, feiern sich und ihren Erfolg. Hier in den „Römische Höfen“, einem früheren Luxushotel im Herzen der Hauptstadt, kennt die liberale Freude keine Grenzen; nach elf bitteren Jahren in der Opposition steht die Partei vor der Rückkehr in die Regierungsverantwortung. Manch einer hier hat Tränen in den Augen, so groß ist die Erleichterung. „Wir wollen jetzt Deutschland mitregieren“, sagt Westerwelle auf dem Podium, als sich der Jubel erst einmal gelegt hat. Die schwarz-gelbe Krawatte, die der FDP-Chef an diesem Abend trägt – sie soll auch ein Signal sein. „Wir wir bleiben auf dem Teppich“, versichert Westerwelle, fast schon ein wenig staatstragend.

Trotziger Beifall

Der Jubel im Willy-Brandt-Haus klingt nach Sieg. Doch es ist nur Trotz. Alle SPD-Alpträume sind an diesem Abend wahr geworden. Und in die bleichen Gesichter der beiden da vorne auf dem Podium ist die Niederlage eingegraben: „Ein bitterer Tag für die Sozialdemokratie“, sagt Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, der das schlechteste SPD-Nachkriegsergebnis eingefahren hat. Franz Müntefering an Steinmeiers linker Seite lässt die Augen verloren über die Köpfe schweifen, hat die Hände vor sich aufs Rednerpult gelegt. Denkt er über Rücktritt nach? Wer zieht die Konsequenzen?

Auf den Tag elf Jahre nachdem Gerhard Schröders Wahlsieg 1998 die Sozialdemokraten nach 16 Jahren Opposition wieder ins Kanzleramt führte, nun der Marsch in die Opposition. „Wir werden darüber nicht zur Tagesordnung übergehen können“, sagt der geschlagene Kanzlerkandidat unheilsschwanger. Keine Zeit verlieren, Pflöcke einrammen. Der 69-jährige SPD-Chef, der vor der Wahl stets betont hatte, er werde am 14. November beim Parteitag wieder kandidieren, schweigt zur eigenen Zukunft. Die Parteilinke eröffnet derweil die Schlacht: „Inhaltlich und strategisch neu aufstellen“ müsse die Partei sich, fordert Juso-Chefin Franziska Drohsel.

Grüner Katzenjammer

Katzenjammer und Häme über die SPD bei den Grünen, die sich an diesem Wahlabend allerdings zunächst über das beste Abschneiden ihrer Geschichte im Bund freuen. „Selbst supergute Grüne können das Desaster bei der SPD nicht kompensieren“, mokiert sich Spitzenmann Jürgen Trittin über die Schwäche der Sozialdemokraten. Aus der Traum vom Regieren, die letzte Hoffnung auf eine Ampel-Koalition.

Für Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast ist das zweistellige Ergebnis ihrer Partei ein „Arbeitsauftrag“. Es gehe nun darum, Verbündete zu suchen, um eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke zu verhindern.

Durchmarsch geschafft

Die Linkspartei jubelt über ihren Durchmarsch bei der Bundestagswahl: „Wir haben heute ein historisches Ereignis erlebt“, so Gregor Gysi. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik sei eine Partei links der SPD mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag eingezogen. Die „Schallmauer“ durchbrochen, freut sich Parteichef Lothar Bisky. Und Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine gibt sich zum Ergebnis seiner Ex-Partei betont ohne Schadenfreude: „Es kann sich niemand recht darüber freuen.“