BERLIN/CLOPPENBURG/LEER - Glück gehört dazu. Ein Stück vom Mantel der Geschichte mitzubekommen wie einst Alt-Kanzler Helmut Kohl formulierte. Glück, wie es Cloppenburger Schüler und Post-Azubis aus dem Weser-Ems-Gebiet am 9. und 10. November 1989 hatten: Sie waren bei der Maueröffnung hautnah dabei. Aus einer normalen Klassenfahrt wurde eine Tour zum größten und glücklichsten Ereignis im Nachkriegsdeutschland.
Noch am Morgen des 9. November sind wir in den Osten gefahren, erinnert sich Peter Varelmann, der die Schüler der 12. Klasse des Cloppenburger Clemens-August-Gymnasiums nach Berlin begleitete: Und dabei gefilzt worden, wie es schlimmer nicht sein kann. Unvergessen der Abend in einer Kneipe am Kurfürstendamm. Jemand stürmt herein und ruft: Die Mauer ist auf. Zur Bestätigung rollt eine Trabi-Welle an. Varelmann: Der Kudamm war binnen kurzer Zeit völlig verstopft. Unbekannte Menschen lagen sich in den Armen.
Für die Cloppenburger gibt es nur ein Motto: Hin zur Mauer. Ost-Berliner weinten. Deutschlandfahnen aus Ost und West wurden geschwenkt, erinnern sich Schüler: Feuerwerkskörper erhellten den Nachthimmel. Es herrschte Volksfeststimmung. Wir klatschten uns die Hände weh. Und die DDR-Grenzer? Sie zündeten auf dem Wachturm Kerzen an.
Dass die Cloppenburger Gruppe am nächsten Tag auf die Mauer am Brandenburger Tor steigt ein unvergessliches Erlebnis. Unten klopfen Auszubildende der Post aus Leer fast zeitgleich Stücke aus der Mauer. Ein Zufall.
Auch diese jungen Menschen aus dem ganzen Weser-Ems-Gebiet hatten eine normale Berlin-Fahrt geplant und erlebten tiefgreifende Augenblicke, erzählt der damalige Ausbilder und Lehrbeamte Wolfgang Grüger (65): Wir konnten gar nicht glauben, was sich dort abspielte.
Die Azubis betätigen sich wie viele andere als Mauerspechte. Grüger: Jeder hat von uns ein Stück Ost-Berliner Mauer mit nach Hause gebracht. Geradezu rührend verliefen die Gespräche mit Ost-Berlinern.
Mitten unter den vielen Menschen auch der Bundespräsident und der Regierende Bürgermeister. Grüger: Richard von Weizsäcker und Walter Momper hatten sich unters Volk gemischt. Chaotisch war die Lage rund um den Kudamm. Kaufhäuser mussten wegen Überfüllung zeitweise schließen, erlebten die Leeraner Postler. In ganz Berlin war der Bär los.
Manchmal kann Wolfgang Grüger es immer noch nicht fassen: Wir durften live erleben, was heute in Geschichtsbüchern steht. Wir haben gesehen, wie sich die vormals streng bewachte Mauer vor dem Brandenburger Tor in den Schauplatz eines großen Freundenfestes verwandelte. Wir haben Hände geschüttelt, mitgesungen, mitgelacht, diskutiert und gefühlt, was Willy Brandt meinte, als er sagte: Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.
